Alternativen

Dein Job-Check: Orthoptist:in

Von Dr. rer. nat. Anne Schneider6 Min. Lesezeit
Orthoptistin untersucht Augen eines Kindes – Orthoptist/in als Alternative zum Medizinstudium

Warum Orthoptist:innen so wichtig sind

Ob Schielen, Augenzittern oder Sehschwäche, ohne Orthoptist:innen würden viele Funktionsstörungen des Sehens viel später erkannt oder gar übersehen. Orthoptist:innen sind die Spezialist:innen für Störungen des ein- und beidäugigen Sehens, Schielerkrankungen, Augenbewegungsstörungen und neurogene Sehstörungen.

Du arbeitest eng mit Augenärzt:innen zusammen und sorgst dafür, dass Kinder und Erwachsene ihr Sehen bestmöglich entwickeln oder zurückgewinnen. Besonders bei Säuglingen, Kleinkindern, Schlaganfall-Patient:innen oder Menschen mit Sehbehinderung bist Du oft die erste Fachkraft, die Auffälligkeiten entdeckt, den Verlauf beobachtet und Therapien mitsteuert. Deine Befunde sind die Basis für Brillenanpassungen, Okklusionstherapien (Abkleben), Prismenversorgungen oder Operationen und damit für die visuelle Zukunft Deiner Patient:innen.

So sieht Dein Alltag als Orthoptist:in aus

Als Orthoptist:in verbringst Du Deinen Arbeitsalltag in Untersuchungs- und Behandlungsräumen, nicht im OP-Saal oder auf Station. Du:

  • erhebst die Anamnese und erkundigst Dich nach Beschwerden, Vorerkrankungen und Familienanamnese (z. B. Schielen in der Familie),
  • prüfst Sehschärfe, beidäugiges Sehen, Augenstellung und Augenbeweglichkeit,
  • misst Schielwinkel, testest den Farbsinn und das Kontrastsehen,
  • untersuchst Kinder mit Verdacht auf Sehentwicklungsstörungen oder Lernauffälligkeiten,
  • betreust Patient:innen mit neurologisch bedingten Sehstörungen, z. B. nach Schlaganfall,
  • planst gemeinsam mit Augenärzt:innen die Therapie, z. B. Abdeckungstherapie, Brille, Prismen, Sehübungen, OP-Vorbereitung,
  • überwachst den Therapieverlauf, dokumentierst Veränderungen und passt Maßnahmen an,
  • klärst Patient:innen und Eltern über Diagnose, Verlauf und Behandlung auf.

Du arbeitest viel mit Kindern und ihren Eltern, aber auch mit älteren Patient:innen, die z. B. Doppelbilder nach einem Schlaganfall haben. Ein wichtiger Teil Deines Jobs ist Erklären, Beruhigen, und Motivieren, denn viele Behandlungen laufen über Monate oder Jahre und brauchen Durchhaltevermögen.

Die wichtigsten Einsatzbereiche für Orthoptist:innen

  • Strabologie (Diagnostik und Therapie von Schielerkrankungen)
  • Neuroophthalmologie (Seh- und Blickstörungen bei neurologischen Erkrankungen)
  • Sehschule (v. a. Frühdiagnostik und Therapie bei Säuglingen und Kindern)
  • Low Vision (Beratung, Training und Versorgung bei dauerhaften Sehbeeinträchtigungen)

Wo kannst Du als Orthoptist:in arbeiten?

  • Universitätskliniken, insbesondere Universitäts-Augenkliniken mit Spezialambulanzen für Strabologie, Neuroophthalmologie und Pleoptik
  • Krankenhäuser mit augenärztlicher Abteilung
  • spezialisierte Augenkliniken
  • größere Augenarztpraxen und Medizinische Versorgungszentren mit eigener Sehschule
  • Rehakliniken, z. B. für Patient:innen nach Schlaganfall oder bei neurologischen Erkrankungen
  • Einrichtungen für Sehbehinderte sowie Sehfrühförderstellen für Kinder
  • Low-Vision-Beratungsstellen und Einrichtungen, die vergrößernde Sehhilfen anpassen

Der Beruf wird fast immer in Anstellung ausgeübt, weniger selbstständig in eigener Praxis. Besonders gute Chancen hast Du an Standorten mit großen ophthalmologischen Zentren, z. B. in Uni-Städten oder Ballungsräumen.

Das solltest Du für den Beruf mitbringen

Als Orthoptist:in arbeitest Du viel mit Menschen und mit sehr unterschiedlichen Altersgruppen. Wichtig sind deshalb:

  • Geduld und Fingerspitzengefühl, v. a. im Umgang mit Säuglingen, Kleinkindern und verunsicherten Eltern,
  • Empathie, wenn Patient:innen mit Einschränkungen oder neurologischen Erkrankungen zu Dir kommen,
  • gute Beobachtungsgabe, um subtile Abweichungen von Augenstellung, Blickbewegungen oder Sehfunktionen zu erkennen,
  • Verantwortungsbewusstsein und Sorgfalt, da Deine Befunde eine wichtige Grundlage für Therapien und Operationen bilden,
  • Interesse an Medizin, Biologie, Physik und Optik,
  • Kommunikationsstärke, weil Du viel erklärst, motivierst und berätst.

Dein Weg in den Beruf

Ausbildung zur/zum Orthoptist:in

Die Ausbildung zur Orthoptistin bzw. zum Orthoptisten ist eine schulische Ausbildung an Berufsfachschulen für Orthoptik, die in der Regel an Universitäts-Augenkliniken angesiedelt sind.

  • Dauer: 3 Jahre
  • Form: schulische Vollzeitausbildung mit hohem Praxisanteil
  • Abschluss: staatliche Prüfung und Erlaubnis, die Berufsbezeichnung „Orthoptistin“ oder „Orthoptist“ zu führen

Voraussetzungen:

  • mittlerer Schulabschluss (Realschule oder gleichwertig),
  • alternativ: Hauptschulabschluss plus mindestens zweijährige Berufsausbildung,
  • ärztliches Eignungsattest,
  • je nach Schule: polizeiliches Führungszeugnis und Impfnachweise (z. B. Masern).

Viele Schulen achten zudem auf ordentliche Noten in Biologie, Physik und Deutsch und führen eigene Auswahlverfahren durch.

Inhalte im Überblick:

  • allgemeine Anatomie und Physiologie,
  • spezielle Anatomie und Physiologie des Auges,
  • allgemeine Augenheilkunde, Kinderheilkunde, Krankheitslehre,
  • Orthoptik und Pleoptik (Schielen, Sehentwicklung, beidäugiges Sehen und Therapie),
  • Neuroophthalmologie (neurologisch bedingte Sehstörungen),
  • Augenbewegungsstörungen,
  • Physik, Optik und Brillenlehre,
  • Arzneimittelkunde, Hygiene, Berufs- und Gesetzeskunde.

In der praktischen Ausbildung (mind. 2.800 Stunden) lernst Du u. a.:

  • Anamnese- und Befunderhebung inkl. Dokumentation,
  • Sehtests, Schielwinkelmessungen, Gesichtsfelduntersuchungen (z. B. Perimetrie),
  • Planung, Durchführung und Überwachung orthoptischer Therapien,
  • Beratung und Gesprächsführung mit Patient:innen und Angehörigen,
  • Assistenz bei Augenoperationen,
  • Betreuung von Sehbehinderten und Kontaktlinsenträger:innen.

Am Ende steht eine staatliche Abschlussprüfung mit schriftlichem, mündlichem und praktischem Teil.

Studium im Bereich Augenheilkunde und Gesundheitswesen

Es gibt keinen klassischen „Orthoptik-Bachelor“, aber an manchen Standorten (z. B. Heidelberg) ist die Orthoptik-Ausbildung in einen Bachelorstudiengang Interprofessionelle Gesundheitsversorgung integriert (staatlicher Abschluss + B.Sc.). Mit (Fach-)Abitur kannst Du nach der Ausbildung auch weiter studieren, z.B.:

  • Augenoptik/Optometrie,
  • Gesundheitsmanagement, Gesundheitsökonomie,
  • interprofessionelle Gesundheitsstudiengänge,
  • später mit entsprechender Qualifikation auch Medizin.

So kannst Du Dich in Richtung Management, Lehre, Forschung oder weiterführende klinische Tätigkeit entwickeln.

Arbeitszeiten und Arbeitskleidung als Orthoptist:in

Als Orthoptist:in profitierst Du von sehr familienfreundlichen Arbeitszeiten. In den meisten Einrichtungen arbeitest Du werktags tagsüber und hast nur selten bis gar keine Nacht-, Wochenend- oder Feiertagsdienste. Viele Arbeitgeber bieten außerdem flexible und gut planbare Teilzeitmodelle an. Besonders in Augenarztpraxen, Sehschulen und ambulanten Einrichtungen orientieren sich die Arbeitszeiten am klassischen Praxisbetrieb, strukturiert, verlässlich und gut mit dem Privatleben vereinbar.

Welche Kleidung Du trägst, hängt von Deinem Arbeitsort ab. In der Regel arbeitest Du im Kasack oder in OP-Kleidung, manchmal ergänzt durch einen Kittel. Wenn Du bei Operationen assistierst, gehören OP-Haube, Mundschutz, Handschuhe und ggf. eine Schutzbrille dazu. In Untersuchungsräumen ist die Kleidung funktional, hygienisch und meist weniger „klinisch“ als im OP oder in der Pflege. Du bist dennoch klar als medizinische Fachperson erkennbar und vermittelst deinen Patient:innen Sicherheit und Professionalität.

Gehalt und Karrierechancen als Orthoptist:in

Gehalt in der Ausbildung

Da die meisten Orthoptik-Schulen an Universitätskliniken angesiedelt sind, wirst Du häufig nach Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (z. B. TVA-L oder TVAöD-Pflege) bezahlt. Typische Richtwerte:

    1. Jahr: ca. 1.290 € brutto/Monat
    1. Jahr: ca. 1.350 €
    1. Jahr: ca. 1.447 €

Gehalt nach der Ausbildung

Im öffentlichen Dienst wirst Du in der Regel nach TV-L oder TVöD eingruppiert. Je nach Tätigkeitsprofil und Verantwortung liegt Dein Einkommen ungefähr bei:

  • Einstieg: ca. 3.200 € brutto/Monat
  • mit Berufserfahrung: ca. 3.400–3.900 €
  • mit spezieller Verantwortung oder Leitungsaufgaben: bis zu 5.000 € brutto/Monat möglich.

Deine Entwicklungsmöglichkeiten als Orthoptist:in

Mit Deiner Ausbildung hast Du ein klares, spezialisiertes Profil und gleichzeitig viele Optionen, Dich weiterzuentwickeln.

Fachliche Spezialisierungen:

  • vergrößernde Sehhilfen & Low-Vision-Beratung,
  • Neuro-Orthoptik und visuelle Rehabilitation,
  • Diagnostik und Früherkennung visuell bedingter Entwicklungs- und Lernauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen.

Fortbildungen:

  • Augenoptik und Anpassung von Sehhilfen,
  • medizinische Assistenz,
  • Hygiene im Gesundheitsbereich,
  • spezielle Themen aus Strabologie, Neuroophthalmologie und Rehabilitation.

Aufstiegsweiterbildungen:

  • Fachwirt:in im Sozial- und Gesundheitswesen,
  • Betriebswirt:in für Management im Gesundheitswesen.

Studium:

  • Augenoptik/Optometrie,
  • Gesundheitsmanagement oder Gesundheitsökonomie,
  • interprofessionelle Gesundheitsstudiengänge,
  • ggf. später auch Humanmedizin.

Damit kannst Du in Leitung, Organisation, Lehre, Forschung oder in andere Bereiche des Gesundheitswesens wechseln.

Fun Facts

  • In Mitteleuropa schielen etwa sechs Prozent aller Menschen.
  • Orthoptist:innen arbeiten oft mit Säuglingen, die noch nicht sprechen können. Du liest ihre Augen und Reflexe, lange bevor sie Dir sagen können, was sie sehen.
  • Deine Untersuchungen helfen auch bei Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten oder visuellen Wahrnehmungsstörungen, wenn z. B. die Augenbewegungen nicht gut koordiniert sind.
  • Über 60 Prozent der Deutschen tragen eine Brille. Du arbeitest also in einem Fachbereich, der Millionen Menschen betrifft.
  • Orthoptik ist ein eher kleiner Beruf mit nur rund 2.000 Fachkräften in Deutschland. Dein Spezialwissen ist entsprechend gefragt.

Fazit

Als Orthoptist:in arbeitest Du an einer spannenden Schnittstelle zwischen Augenheilkunde, Neurologie, Pädiatrie und Rehabilitation. Du hilfst Kindern, ihre Sehentwicklung optimal zu nutzen, unterstützt Erwachsene nach Erkrankungen und begleitest Patient:innen oft über lange Zeiträume.

Wenn Du geduldig bist, gerne mit Menschen arbeitest, keine Angst vor theoretischen Inhalten hast und Interesse an Auge, Sehen und Neurophysiologie mitbringst, ist die Orthoptik eine spezialisierte, sinnstiftende und zukunftssichere Alternative zum Medizinstudium, mit guten Arbeitszeiten, soliden Gehältern und vielen Möglichkeiten, Dich fachlich weiterzuentwickeln.

Über die Autorin

Dr. rer. nat. Anne Schneider

Dr. Anne Theres Schneider ist promovierte Biologin und arbeitet an der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie betreut medizinische und biologische Doktorand:innen und verfasst wissenschaftliche sowie allgemeinverständliche Texte mit besonderem Gespür für komplexe Inhalte. Durch ihre Nähe zur akademischen Ausbildung kennt sie die Herausforderungen des Medizinstudiums aus erster Hand.

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