Sinn, Erfüllung, Leidenschaft im Berufsleben – oder, wie Aristoteles es ausdrückte: „Wo die Bedürfnisse der Welt und Deine Talente sich kreuzen, liegt Deine Berufung.“ Das Konzept ist alt, in der aktuellen Arbeitswelt aber aktueller denn je. Besonders Medizinstudierende sehen ihren künftigen Beruf oft nicht nur als Job. Warum ist das so? Und was passiert, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen lassen?
Berufung als Selbstverwirklichung
Wo will ich hin in meinem Leben? Was bereitet mir die größte Freude? Welche Tätigkeiten fühlen sich nicht nach Arbeit an? Diese Fragen spielen für viele eine Rolle, wenn es darum geht, sich nach dem Abitur für eine der unzähligen Möglichkeiten zu entscheiden, die die Arbeitswelt zu bieten hat – gerade, wenn man einen Beruf ergreifen möchte, der nicht nur Geld bringt, sondern auch Sinn stiftet. Genau das ist mit dem Konzept der Berufung gemeint: Während manche Menschen ihre täglichen Aufgaben nur als Pflichterfüllung ansehen, empfinden andere tiefe Erfüllung in dem, was sie tun.
Wie kann ich wissen, ob Arzt sein meine Berufung ist?
Wenn man nun davon ausgeht, dass die Berufung nur etwas sein kann, was man schon immer gerne gemacht hat, wird man bei dem Arztberuf erst einmal ins Stocken geraten: Schließlich hatte vor dem Studium kaum jemand die Gelegenheit, am OP-Tisch zu stehen oder ein Diagnosegespräch zu führen. Wie also kannst Du wissen, ob Du im Arztberuf Deine Erfüllung findest?
Dass der zukünftige Job für viele Medizinstudenten mehr Berufung als Beruf ist, hängt auch mit den gesellschaftlichen Idealen zusammen, die mit dem Arztberuf verbunden werden: Als Arzt hilft man tagtäglich Menschen und rettet oft sogar Leben. Das geht mit viel Verantwortung für das Wohlergehen anderer einher – und damit auch mit besonderen ethischen Verpflichtungen. Zugleich liegt das hohe Potenzial an Sinnstiftung auf der Hand.
Kann Arzt auch einfach nur ein Job sein?
Der Weg zum Arztberuf ist anspruchsvoll und langwierig. Er erfordert viel Durchhaltevermögen und Leistungsbereitschaft – ist aber auch dann machbar, wenn nicht die Sinnerfüllung, sondern Prestige und ein gutes Gehalt die Motivation sind. Schwierig wird es allerdings, sobald es um den direkten Kontakt mit den Patienten geht. Niemand will sich von einem Arzt beraten oder gar operieren lassen, der eigentlich nur schnell in den Feierabend will. Und die Herausforderungen des Arbeitsalltags wirst Du vermutlich nicht langfristig meistern können, wenn Du Dich überhaupt nicht persönlich mit dem Job identifizieren kannst – zumindest nicht in den klassischen Arbeitsbereichen.
Natürlich gibt es zwischen Aufopferung und Lustlosigkeit aber Graubereiche. Und Studien zur Belastungssituation von Ärzten zeigen, dass die Realität von Ärzten oft anders aussieht als erhofft. Personalmangel, Überstunden und Bürokratie prägen besonders den Alltag in Krankenhäusern. Wenn die hohen Ansprüche an die eigene Tätigkeit als Arzt mit der Realität aufeinanderprallen, folgt auf einen leidenschaftlichen Start oft schnelle Ernüchterung und Erschöpfung – und manchmal sogar die Entscheidung, doch einen anderen Beruf zu ergreifen, wie eine aktuelle Umfrage des Marburger Bundes zeigt. Du solltest Dir über die Fallhöhe, die mit der hohen Identifikation mit dem Arztberuf hergestellt wird, also bewusst sein.
„Arbeiten, um zu leben, nicht leben um zu arbeiten“, so lautet ein anderes Paradigma der Stunde. Erst einmal erscheint das vielleicht als gegensätzlich zu den gesellschaftlichen Idealen. Aber Grenzen ziehen und Selbstfürsorge sind genauso essenziell, wenn man im Beruf langfristig zufrieden sein will.
Mit Herz dabei sein bedeutet nicht Selbstaufgabe
Die ethischen (Selbst-)Ansprüche an Mediziner sind hoch und eine gewisse Leidenschaft für den Arztberuf ist sicher nicht verkehrt. Gerade wer als Arzt im direkten Kontakt mit Patienten arbeitet, sollte natürlich einem gewissen Berufsethos folgen und sich der Verantwortung bewusst sein. Ob Du den Job dann „nur“ als Beruf oder auch als Berufung betrachtest, liegt letztlich bei Dir. Wenn Du mit Fachwissen und Empathie arbeitest, kannst Du ein ausgezeichneter Arzt sein. Aber nur wer selbst gesund und glücklich ist, kann langfristig anderen helfen. In diesem Punkt hat das Gesundheitssystem in Deutschland leider noch blinde Flecken. Umso wichtiger ist es, auf Warnsignale zu hören und sich gut zu überlegen, welcher Arbeitsbereich wirklich zu einem passt.
Die Welt braucht Ärzte und Talent versandet, wo andere Bedürfnisse zu kurz kommen – dem würde wohl auch Aristoteles zustimmen.

Jana Detscher
Jana studiert derzeit im Masterstudiengang "Theorien und Praktiken professionellen Schreibens" und widmet sich mit großer Leidenschaft dem präzisen und kreativen Umgang mit Sprache. Ob bei der Recherche oder beim zielgruppengerechten Schreiben – Jana bringt fundierte Erfahrung im redaktionellen Arbeiten mit, unter anderem durch Stationen beim Literaturhaus Köln und dem Dokumentationszentrum DOMiD e.V.
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