Nach langem Medizinstudium hat man die Approbation in der Tasche und es kann endlich mit der „richtigen“ Arbeit losgehen. Dieser aufregende Übergang ins Berufsleben bringt große Verantwortung mit sich und ist zumeist nicht frei von Ängsten. Wir erklären hier, auf was es jetzt genau ankommt, um sich den Einstieg in den Berufsalltag zu erleichtern.
Die anfängliche Euphorie der frisch gebackenen Ärzte wird häufig von einer gewissen Enttäuschung und einem regelrechten Praxisschock abgelöst. Während sich im Studium noch alles ausschließlich um die erfolgreiche Ausbildung der Studenten drehte, müssen in der Praxis die verschiedenen Interessen der Patienten, des Klinikpersonals und der Klinikleitung unter einen Hut gebracht werden. Bereitschaftsdienste, 24-Stunden-Schichten, lange Nächte, Wochenend- und Feiertagsarbeit gilt es zu meistern, wobei das Privatleben zunächst häufig in den Hintergrund rückt. Die hohe Arbeitsbelastung, die geforderte schnelle Weiterentwicklung und Einsatzbereitschaft, kombiniert mit der fehlenden praktischen Erfahrung und der Angst vor Fehlern, erzeugt enormen Druck. Ganz nebenbei kommen auch noch die Vorbereitungen auf die Facharztprüfungen hinzu. Die ersten Jahre sind somit definitiv keine Herrenjahre. Diese Gegebenheiten erst einmal anzunehmen, tief durchzuatmen und sich der Tatsache bewusst zu werden, dass es jedem in dieser Situation so ergehen wird bzw. ergangen ist, kann hilfreich sein. Eine gute, sorgfältige und frühzeitige Auseinandersetzung mit diesen Themen und klare, strukturierte Schritte vermitteln zudem Sicherheit.
- Wahl der passenden ersten Stelle
Letztendlich ist man als junger Arzt nur in den vorgegebenen Strukturen einer Klinik oder Praxis arbeitsfähig und von der guten Anleitung und Einarbeitung der Vorgesetzten abhängig. Niemand möchte in einer Abteilung mit schlechtem Arbeitsklima landen, da dort der Spaß und häufig auch die Einarbeitung auf der Strecke bleiben. Um seine Fähigkeiten zu verbessern, benötigt man das Vertrauen, sich bei Zweifeln rückversichern zu können und Fehler gemeinsam zu analysieren. Deshalb ist es sehr relevant, seine Wunschstelle zu hospitieren. Dies ist die beste Möglichkeit, die Kollegen und Vorgesetzten sowie die Arbeitsbedingungen kennenzulernen, alle offenen Fragen zu klären und somit bösen Überraschungen vorzubeugen. Hierbei sollte das Augenmerk auch auf der Vergütung, der Überstundenregelung, Weiterbildungsoptionen und den Inhalten des Ausbildungsplans liegen. Zudem ist eine umfassende Kenntnis der Weiterbildungsordnung für die jeweilige gewünschte Facharztanerkennung essentiell, um im späteren Berufsalltag die Erfüllung der notwendigen Punkte nicht aus den Augen zu verlieren und darüber im Austausch mit dem Vorgesetzten bleiben zu können.
- Ärzte sind Teamplayer
Kooperationsbereitschaft und Kommunikationsgeschick mit Kollegen, Vorgesetzten, Pflegekräften oder Physiotherapeuten sind ein absolutes Muss für alle Ärzte. Arroganz oder fehlende Selbstreflexion sind hingegen absolut fehl am Platz. Junge Ärzte können durch eine angemessene Kommunikation ganz viel lernen und von dem jahrelangen Erfahrungsschatz des Teams profitieren. Es ist nicht einfach, eine gute Balance zwischen der notwendigen Integration in die bestehenden Hierarchien und dem Agieren als vollwertiger Mitarbeiter mit Patientenverantwortung zu finden. Freundlichkeit, Beobachtung und Unterstützung, aber auch das Einbringen respektvoller Autorität ist hier vonnöten. Um diesen Spagat zu meistern, bieten viele Kliniken auch immer mehr Kurse an, die auf den ersten Dienst vorbereiten und helfen, die Kommunikation zu trainieren. Kritik und Ratschläge anzunehmen, zu notieren und langfristig umzusetzen, kommt sicher bei allen Beteiligten gut an. Zudem ist es in der Kommunikation mit Kollegen relevant, deren vollen Terminkalender zu respektieren und zu lernen, ausschließlich erforderliche Details zu erwähnen.
- Umgang mit Patienten
Eine große Herausforderung ist zweifelsfrei auch der Umgang mit den Patienten und deren verschiedenen Charakteren. Mit einer authentischen und kompetenten Kommunikation, bei der man eine emotionale Distanz einhält, aber auch Mitgefühl zeigt, ist man hier immer gut beraten. Zudem ist die Wahrung der Psychohygiene ein großes und nicht zu unterschätzendes Thema. Der tägliche Kontakt mit kranken und leidenden Menschen, der Umgang mit schwierigen Diagnosen, tragischen Schicksalen und dem Verlust der Patienten sind eine starke emotionale Belastung, mit der man erstmal lernen muss, umzugehen. Der Austausch mit Kollegen ist wichtig, um das Erlebte verarbeiten zu können. Durch die zunehmende globale Migration haben Ärzte auch immer mehr Kontakt mit Patienten unterschiedlichster kultureller Hintergründe, verbunden mit sprachlichen Barrieren und abweichenden Einstellungen in Bezug auf die Gesundheitsversorgung, was den Berufsalltag zusätzlich erschweren kann. Die Kenntnis über verschiedene Kulturen, sowie die Arbeit in einem internationalen Team, in dem verschiedene Sprachen beherrscht werden, kann hier von großem Vorteil sein.
- Bürokratie und rechtliche Absicherung
Die administrativen Aspekte des Berufs in Bezug auf die Verfassung von Arztbriefen und die korrekte Patientendokumentation und Digitalisierung der Daten verschlingen reichlich Zeit, die besonders zu Anfang mit Überstunden verbunden ist. Mit der Zeit gewinnt man hier aber deutlich an Erfahrung, kennt die fachlichen Begriffe und entwickelt seinen eigenen Stil. Das Ablegen des Arztkittels kann helfen, auch visuell eine Trennung zwischen der praktischen Patientenversorgung und der nachfolgenden Dokumentation zu schaffen, um sich unbehelligt auf die bürokratischen Aspekte konzentrieren zu können. In Bezug auf die persönliche rechtliche Absicherung, sollten sich junge Ärzte zudem bewusst sein, dass es immer zu Auseinandersetzungen mit Patienten bis hin zu Rechtsstreitigkeiten kommen kann, gegen die man sich zwingend schützen sollte. Behandlungsfehler in der Klinik sind in der Regel über den Arbeitgeber abgesichert. Zusätzlich sollte man aber eine Berufshaftpflichtversicherung für Ärzte abschließen, die auch außerhalb der Klinik bei einem ärztlichen Notfall greift. Darüber hinaus, ist zur Absicherung der eigenen Arbeitskraft eine Berufsunfähigkeitsversicherung sinnvoll.
- Work-Life-Balance
Um keine Illusionen zu schaffen und sich nicht selbst zusätzlich unter Druck zu setzen, sollte man die Tatsache akzeptieren, dass die Work-Life-Balance in den ersten Jahren stark in Richtung Work verschoben sein wird. Trotzdem ist es wichtig und möglich, eine Trennung zwischen Arbeit und Privatem zu wahren. Die Freizeit aktiv zu nutzen und sich um sich selbst körperlich als auch geistig zu kümmern, kommt nicht nur einem selbst, sondern auch der Familie und den Patienten zugute. Es senkt den Stress, begünstigt die Konzentration und minimiert dadurch die Fehlerquote. Freizeit und Pausen als wichtigen Punkt im Terminkalender einzuplanen kann helfen, diesen Aspekt nicht zu vernachlässigen.
Das Fazit lautet also: Sich fordern, aber nicht bis zur Selbstaufgabe überfordern. Trotz der vielschichtigen Anforderungen, die der Start ins Berufsleben mit sich bringt, bietet er auch unglaublich viele Möglichkeiten, sich persönlich und fachlich weiterzuentwickeln. Der Austausch mit erfahrenen Kollegen und die Inanspruchnahme von Netzwerken und Mentorship-Programmen helfen sehr, den Berufsalltag gut zu bewältigen und ein passendes Arbeitsumfeld zu wählen. Insgesamt kann man den Beruf des Arztes als eine Reise betrachten, voller Lernmöglichkeiten und der Chance, sowohl das eigene Leben als auch das der anderen durch diese sinnhafte Tätigkeit zu bereichern.

Dr. rer. nat. Anne Schneider
Dr. Anne Theres Schneider ist promovierte Biologin und arbeitet an der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie betreut medizinische und biologische Doktorand:innen und verfasst wissenschaftliche sowie allgemeinverständliche Texte mit besonderem Gespür für komplexe Inhalte. Durch ihre Nähe zur akademischen Ausbildung kennt sie die Herausforderungen des Medizinstudiums aus erster Hand.
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