Was ist Physiologie im Medizinstudium?
Ab dem dritten Semester hast Du in der Regel die naturwissenschaftlichen Grundlagenfächer Physik, Chemie und Biologie erfolgreich abgeschlossen. Jetzt beginnt der Übergang zu einem praxisorientierteren Fach: der Physiologie, die zusammen mit der Anatomie, Biochemie und Psychologie/Soziologie zu den Schwerpunktfächern der Vorklinik zählt. In der Physiologie vertiefst Du Dein Verständnis für die physikalischen Funktionen des menschlichen Körpers, einschließlich des Herz-Kreislauf-Systems, der Atmung, der Verdauung, des zentralen Nervensystems, des Blutes und der Hormone. Im Mittelpunkt steht das Verständnis darüber, wie der Körper unter normalen Bedingungen funktioniert. Klassische Fragestellungen sind dabei etwa: „Wie verändert sich der Druck in Deiner Hauptschlagader während der Herzkontraktionen?“, oder „Wie funktioniert der Sauerstofftransport von der Lunge ins Blut?“. Trotz der umfangreichen Lerninhalte erfreut sich dieses Fach großer Beliebtheit, da viele Studierende das Gefühl haben, jetzt endlich konkret in die Welt der Medizin eintauchen zu können.
Wie schwer ist Physiologie wirklich?
Auch im Fach Physiologie steht Dir eine Menge Lernstoff bevor, wobei Du die komplexen Funktionen des Körpers wirklich verinnerlichen solltest. Gute Kenntnisse in der Physik sind eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis der physiologischen Prozesse. Da der Physikschein ohnehin notwendig ist, um Physiologie belegen zu können, hast Du Dir durch das Bestehen des Fachs „Physik für Mediziner“ bereits die notwendigen Kenntnisse erarbeitet, die nur geringfügig aufgefrischt werden müssen. In den Prüfungen werden unter anderem mechanische Berechnungen abgefragt, was vielen Studierenden trotz der praktischen und realitätsbezogenen Aspekte des Fachs nicht leichtfällt. Universitätsübergreifend beschreibt über die Hälfte der Studierenden die Physiologie deshalb als mittelmäßig bis sehr schwer. Ein Vorteil der Physiologie im Vergleich zu anderen Fächern wie der Anatomie ist, dass das Lernen nicht ausschließlich auf Auswendiglernen basiert. Während die Anatomie des Menschen festgelegt ist, existieren bei der Physiologie funktionale und logische Zusammenhänge, die das Verstehen erleichtern. Zudem werden einzelne Themen, wie die Blutdruckregulation, oft schnell verstanden, während das Erlernen der Nierenfunktion in der Regel mehr Aufwand erfordert. Deshalb macht es speziell in diesem Fach sehr viel Sinn, an den Vorlesungen teilzunehmen, da Dir die dort vermittelten Erklärungsansätze ergänzend zu den Skripten und den Lehrbüchern dabei helfen können, das Fach allumfassend zu begreifen. Auch Lerngruppen sind hilfreich, da sich durch die Diskussion des Lernstoffs viele Zusammenhänge oft schneller erschließen.
Bedeutung der Physiologie für die ärztliche Praxis
Die Physiologie ist die Lehre von den Abläufen und Funktionen im menschlichen Körper sowie der Zusammenarbeit der Organsysteme. Ein fundiertes Verständnis der Vorgänge im gesunden Organismus ermöglicht es Dir später, verschiedene Krankheitsbilder korrekt einzuschätzen, zu diagnostizieren und zu behandeln. Zudem hilft es Dir, Deine Patienten verständlich über komplexe Zusammenhänge aufzuklären. Daher bildet die Physiologie eine wesentliche Grundlage für den klinischen Bereich der Medizin. Sie ist auch entscheidend für viele medizinische Forschungsbereiche wie die Pharmakologie, da sie die Wirkungen und Eigenschaften von Medikamenten und Therapien erklärt und prognostiziert. Insgesamt ist die Physiologie unverzichtbar für eine qualifizierte ärztliche Praxis.
Was lernst Du im Fach Physiologie?
Im Fach Physiologie erlangst Du ein umfassendes Verständnis über die normalen physiologischen Abläufe des menschlichen Körpers, wobei auch die Abweichungen berücksichtigt werden, die zu Krankheiten führen können. Der Fokus liegt zunächst auf dem Aufbau und der Funktion von Zellen und Geweben, die die Grundlage aller körperlichen Prozesse bilden. Im Verlauf des Studiums werden die Funktionsweisen der verschiedenen Organsysteme wie dem Herz-Kreislauf-System, dem Atmungssystem, dem Verdauungssystem, dem Ausscheidungssystem, dem Muskel-Skelett-System und dem Fortpflanzungssystem eingehend erforscht. Auch das endokrine System, das zentrale und periphere Nervensystem, das Blut- und Lymphsystem sowie das Abwehrsystem werden behandelt, wobei ein besonderes Augenmerk darauf liegt, wie diese Systeme synergistisch zusammenarbeiten, um die Homöostase des Körpers aufrechtzuerhalten. Zusätzlich lernst Du die adaptiven Mechanismen kennen, die dem Körper helfen, sich an unterschiedliche Umweltbedingungen und Belastungen anzupassen. Dies umfasst auch die Auseinandersetzung mit den physiologischen Veränderungen, die im Laufe des Lebens auftreten, sowie deren Einfluss auf Gesundheit und Krankheit. Darüber hinaus erwirbst Du Kenntnisse in spezifischen Anwendungsbereichen wie der Ernährungsphysiologie, Sportphysiologie, Arbeitsphysiologie und Umweltphysiologie. Diese umfassende medizinische Ausbildung bietet Dir eine solide Grundlage für Deine spätere praktische Tätigkeit als Arzt oder Ärztin.
Ablauf der Lehre – Vorlesungen, Seminare & Praktika
Das Fach Physiologie wird in den Semestern drei und vier der Vorklinik unterrichtet und besteht aus einer zweisemestrigen Vorlesung, die pro Semester von einem Praktikum über die jeweiligen Inhalte der Vorlesungen begleitet wird. Zusätzlich gibt es pro Semester ein Seminar, in dem Du jeweils ein Referat über das Grundwissen oder einen klinischen Bezug hältst. Insgesamt werden die folgenden Themengebiete in der Vorlesung Physiologie behandelt:
Themen im dritten Semester:
- Einführung in die Physiologie der Erregungsvorgänge (z.B. Membran- und Aktionspotential)
- Das vegetative Nervensystem (z.B. Rezeptoren, Rückenmark, Darmnervensystem)
- Muskelphysiologie (z.B. Skelettmuskulatur, Energieumsatz des Muskels)
- Mechanik des Herzens (z.B. Herzdynamik, Koronardurchblutung)
- Elektrophysiologie des Herzens
- Mechanik des Gesamtkreislaufs
- Niederdrucksystem (z.B. Dehnungsverhalten der Venen)
- Mikrozirkulation (z.B. Lymphsystem, Stoffaustausch)
- Kreislaufregulation
- Niere, Wasser- und Salzhaushalt
- Blut (z.B. Blutplasma, Blutgruppen, Blutgerinnung)
Themen im vierten Semester:
- Atmung
- Säure-Basen-Haushalt
- Leistungsphysiologie (z.B. Energiehaushalt, Kalorimetrie)
- Wärmehaushalt und Temperaturregulierung
- Allgemeine Neurophysiologie
- Auditives System und Sprache
- Das Gleichgewichtsorgan
- Optisches System
- Chemische Sinne: Geschmack und Geruch
- Somatoviszerale Sensibilität (z.B. Hautsinne, Drucksinne)
- Schmerzsinn (z.B. Arten von Schmerz, Schmerztherapie)
- Sensomotorisches System (z.B. Kleinhirn, Motorischer Cortex)
- Integrative Funktionen des Zentralnervensystems
- Gastro-Intestinaltrakt
- Hormone
- Physiologie der Fortpflanzung und des Alterns
Das Praktikum der Physiologie hat das Ziel, das in den Vorlesungen erworbene theoretische Wissen zu ergänzen und zu vertiefen. Es beinhaltet zudem die Vermittlung klinischer, therapeutischer und diagnostischer Verfahren, um die physiologischen Aspekte anschaulicher und greifbarer zu gestalten. In verschiedenen praktischen Experimenten haben die Teilnehmer die Möglichkeit, interessante und unterhaltsame Tests durchzuführen. Dazu gehört das Austesten der individuellen Hörschwelle sowie das Trinken unterschiedlicher Flüssigkeiten, gefolgt von einer Harnanalyse, um die Auswirkungen auf den Körper zu untersuchen. Spannend ist auch das Drehstuhl-Experiment, das zur Hervorrufung eines Nystagmus (unwillkürlichen, rhythmischen Bewegungen der Augen) dient und die Funktionsweise des vestibulären Systems demonstriert. Darüber hinaus werden im Rahmen des Praktikums Elektrokardiogramme (EKG) sowohl in Ruhe als auch unter Belastung erstellt, um die elektrische Aktivität des Herzens zu analysieren. Auch der Säure-Base-Status einer Versuchsperson wird bestimmt, und es finden verschiedene Tests wie Muskelreflextests, Blutdruckmessungen, Seh- und Bluttests statt, die Dir ein tieferes Verständnis für die physiologischen Abläufe im menschlichen Körper vermitteln.
Prüfungen & Leistungsnachweise im Fach Physiologie
Im Fach Physiologie musst Du zwei Scheine erwerben: einen kleinen Schein für das „Seminar der Physiologie“ und einen großen Schein für das „Praktikum der Physiologie“. Damit Du die Scheine erhältst, ist es erforderlich, dass Du an mindestens 85 % der regelmäßigen Kurszeit sowohl des Seminars als auch des Praktikums teilnimmst. Für den Schein „Seminar der Physiologie“ musst Du insgesamt zwei Kurzreferate zu Themen halten, die in den Vorlesungen behandelt werden. Zudem sind zwei Teilklausuren im Multiple-Choice-Format erforderlich, wobei jede Klausur aus 30 Fragen besteht. Diese Prüfungen sind darauf ausgelegt, Dein Verständnis der theoretischen Inhalte zu überprüfen und sicherzustellen, dass Du die wesentlichen Konzepte der Physiologie verstanden hast. Um den Schein für das „Praktikum der Physiologie“ zu erhalten, musst Du ebenfalls eine Klausur ablegen, die aus 30 Multiple-Choice-Fragen besteht. Auch im Physikum ist die Physiologie ein wesentlicher Bestandteil des Prüfungsstoffs, der mit 60 Fragen vertreten ist.
Buchempfehlungen für das Fach Physiologie
- Pape/Kurtz/Silbernagl, Lehrbuch der Physiologie, Thieme Verlag
- Brandes/Lang/Schmidt, Physiologie des Menschen, Springer Verlag
- Silbernagl/Despopoulos/Dragugn, Taschenatlas Physiologie, Thieme Verlag
Fazit zum Fach Physiologie
Die Physiologie gehört neben der Anatomie, Biochemie sowie Psychologie/Soziologie zu den zentralen Schwerpunktfächern der Vorklinik. Trotz des umfangreichen Lernstoffs erfreut sich das Fach großer Beliebtheit – nicht zuletzt wegen seines starken klinischen Bezugs und der spannenden Praktika. Hier lernst Du alles über die komplexen Funktionen des menschlichen Körpers und das Zusammenspiel der Organsysteme. Ein gutes Verständnis der Physik sowie die Fähigkeit, funktionale Zusammenhänge zu erkennen, sind dabei unerlässlich und stellen für viele Studierende eine Herausforderung dar. Das Fach wird in Vorlesungen, Seminaren und Praktika abgehalten, in denen Du die Fähigkeit lernst, komplexe Zusammenhänge zu erklären und zu verstehen, was in der ärztlichen Praxis von großer Bedeutung ist. Das in der Physiologie erworbene Wissen bildet eine unverzichtbare Grundlage für Diagnosen, Therapien und die medizinische Forschung, was die Relevanz dieses Faches im Medizinstudium und Deiner späteren ärztlichen Tätigkeit unterstreicht.

Dr. rer. nat. Anne Schneider
Dr. Anne Theres Schneider ist promovierte Biologin und arbeitet an der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie betreut medizinische und biologische Doktorand:innen und verfasst wissenschaftliche sowie allgemeinverständliche Texte mit besonderem Gespür für komplexe Inhalte. Durch ihre Nähe zur akademischen Ausbildung kennt sie die Herausforderungen des Medizinstudiums aus erster Hand.
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