Wenn Du denkst, Du musst nur sechs Jahre Paukerei im Medizinstudium durchstehen und dann ist alles erledigt, kommt irgendwann die Überraschung: Nach dem zweiten Staatsexamen bist Du gar kein „Dr. med.“. Auch noch promovieren? Muss das heute eigentlich noch sein?
Erst einmal: Zwar haben viele Ärzte neben ihrem Namen auf dem Praxisschild auch einen Doktortitel stehen. Aber keine Sorge, Du bist nach dem zweiten Staatsexamen auch so ein richtiger Arzt und kannst im Krankenhaus oder in einer Praxis arbeiten. Beim „Dr.med.“ handelt es sich um einen akademischen Titel und nicht um eine Berufsbezeichnung. Denn anders als viele denken, brauchst Du zum Praktizieren keinen Doktortitel – für viele ist er aber das Sahnehäubchen auf dem Kuchen.
Warum trotzdem so viele den Titel wollen
Eine Doktorarbeit bedeutet noch einmal mehr Zeit und Energie, als man ohnehin schon in das Medizinstudium steckt. Dennoch promovieren über die Hälfte aller Medizinstudierenden – so viele wie in keinem anderen Fachbereich. Warum ist das so? Zum einen geht der Titel mit einem gewissen gesellschaftlichen Prestige einher. Ein Arzt mit Doktortitel wirkt für viele Menschen kompetenter – auch wenn dieser nicht unbedingt etwas über die medizinischen Fähigkeiten aussagt. Der Titel zeigt vor allem ein besonderes Engagement und wissenschaftliche Kompetenz. Während der Doktorarbeit lernst Du, wie man wissenschaftlich arbeitet und Studien, etwa zu neuen Medikamenten und Behandlungsmethoden, interpretiert. Dadurch kann es im Berufsleben leichter für Dich sein, up to date zu bleiben.
Wann lohnt sich die Promotion?
Falls Du eine akademische Karriere verfolgst, ist die Doktorarbeit ein Muss und gleichzeitig der Einstieg in die wissenschaftliche Forschung. Auch kannst Du in dieser Zeit Kontakte knüpfen, von denen Du in Deiner späteren Laufbahn profitieren kannst.
Außerdem kann die Promotion ein Vorteil sein oder wird sogar vorausgesetzt, wenn es um leitende Positionen oder besonders attraktive Stellen geht. Und promovierte Ärzte in Anstellung verdienen vermutlich auch heute noch besser als solche ohne Titel: 2015 lag die Gehaltsdifferenz bei immerhin einem Viertel.
Gute Chancen auch ohne Titel
Einer erfolgreichen Karriere steht eine fehlende Doktorarbeit aber nicht im Wege – außer, Du willst in die Wissenschaft. Letztlich handelt es sich um eine Weiterbildungsqualifikation, die wenig über Dein Können als Arzt aussagt. Gerade bei einer Niederlassung macht es meistens keinen Unterschied, ob Du ihn mitbringst oder nicht: Hier kommt es vielmehr darauf an, ob Du empathisch mit den Patienten umgehst und diese sich bei Dir gut aufgehoben fühlen. Dann wirst Du durch positive Internetbewertungen und Mundpropaganda auch ohne Doktortitel bald einen Patientenstamm aufgebaut haben. Finanziell wirst Du hier auch keinen Nachteil haben.
Aber auch in Kliniken kannst Du problemlos ohne Doktortitel arbeiten: Angesichts des Fachärztemangels sind viele Arbeitgeber froh, wenn sie die Stellen überhaupt mit engagiertem Personal besetzen können. Und je nachdem, in welchem Bereich Du einmal arbeiten möchtest, gibt es auch Alternativen, mit denen Du Dich weiterbilden kannst. Nicht vergessen: Es gibt viele Bereiche, in denen Du als Arzt tätig werden kannst. Ein Doktortitel wird Dir für die Bewerbung bei einer medizinischen Hilfsorganisation vermutlich weniger Pluspunkte bringen als Auslandserfahrungen oder ein Master in Public Health.
Besonderheiten der medizinischen Promotion
Die medizinische Doktorarbeit gilt im Vergleich zu anderen Fächern als weniger anspruchsvoll – ein Zuckerschlecken ist der ganze Prozess natürlich trotzdem nicht. Anders als in anderen Studiengängen ist es durchaus üblich und sinnvoll, bereits während des Studiums damit anzufangen. Viele raten dazu, direkt nach dem Physikum zu beginnen. Ein realistischer Zeitplan und Lust am Thema helfen Dir dabei, nicht die Motivation zu verlieren: Etwa die Hälfte der Promotionen wird nicht abgeschlossen. Hier ist es wichtig, sich gut zu überlegen, ob man wirklich die Kapazitäten und die Motivation hat, in dieses Projekt zu starten. Ohne Lust am wissenschaftlichen Arbeiten wirst Du vermutlich eine recht qualvolle Zeit haben, die Du besser auf anderem Wege in Deine berufliche Laufbahn investieren könntest.
Mit oder ohne – was passt zu Dir?
Die Promotion ist nach wie vor ein Investment, das sich in manchen Bereichen auszahlt – das hängt aber ganz davon ab, wo Du einmal hinwillst. Wenn Du für die Forschung brennst oder gerne tief in ein medizinisches Thema eintauchen willst, ist die Doktorarbeit eine gute Entscheidung. Eine solide Anstellung wirst Du als Mediziner aber auch ohne Doktortitel finden. Anders gesagt: Ob das Sahnehäubchen auf den Kuchen gehört, hängt vom Kuchen ab – und davon, ob Du Sahne magst.

Jana Detscher
Jana studiert derzeit im Masterstudiengang "Theorien und Praktiken professionellen Schreibens" und widmet sich mit großer Leidenschaft dem präzisen und kreativen Umgang mit Sprache. Ob bei der Recherche oder beim zielgruppengerechten Schreiben – Jana bringt fundierte Erfahrung im redaktionellen Arbeiten mit, unter anderem durch Stationen beim Literaturhaus Köln und dem Dokumentationszentrum DOMiD e.V.
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