Ob in der Forschung, bei internationalen Organisationen oder NGOs – internationale Erfahrung wird auch in der Tiermedizin zunehmend wichtiger. Vielleicht spielst Du ja auch mit dem Gedanken, später auszuwandern? Das Studium bietet für viele die ideale Gelegenheit, andere Länder und (Berufs-)Sitten kennenzulernen und neuen Input zu erhalten. Allerdings: Die Tiermedizin ist für einen ziemlich unflexiblen Studienverlauf bekannt – funktioniert das hier überhaupt?
Mittlerweile ist die Auslandserfahrung für viele selbstverständlicher Teil des Studiums. Und ja, auch in der Tier- oder auch Veterinärmedizin gibt es Möglichkeiten, den Beruf aus einer anderen Perspektive kennenzulernen.
Wie funktioniert Erasmus?
Austausch, Partnerschafts- und Kooperationsprojekte unter den EU-Mitgliedstaaten stärken – so lautete das Ziel des 1987 in Kraft getretenen Erasmus-Förderprogramms. Der lange Name des europäischen Förderprogramms lautet European Community Action Scheme for the Mobility of University Students; Kernidee ist dabei nach wie vor die erleichterte Anerkennung von im Ausland erbrachten Studienleistungen. Neben den aktuell 27 EU-Mitgliedsstaaten nehmen auch Norwegen, Island, Liechtenstein, die Türkei, Nordmazedonien und Serbien am Erasmus-Programm teil.
Dadurch ist es für Studierende recht einfach geworden, für einen Zeitraum von zwei bis maximal zwölf Monaten im Ausland studieren und – zumindest in der Theorie – trotzdem in Regelstudienzeit bleiben. Außerdem wird der Aufenthalt durch einen Förderungsbeitrag, der die Mehrkosten ausgleichen soll, für mehr Studierende finanzierbar – die Studiengebühren an der Uni im Ausland werden ebenfalls erlassen.
Tiermedizin und Erasmus – wie geht das zusammen?
Das Studium der Veterinärmedizin ist sehr verschult und folgt einem streng vorgegebenen Curriculum. Durch die wenigen Wahlfreiheiten lässt es sich im Vergleich zu anderen Fächern nicht ganz so leicht mit einem Auslandsaufenthalt vereinbaren: Denn die Stundenpläne der Auslandsuni entsprechen selten genau denen der eigenen Uni.
Dennoch haben die meisten Universitäten, in denen Tier- bzw. Veterinärmedizin studiert werden kann, Kooperationen mit Partneruniversitäten im Ausland. Meist wird ein Auslandsaufenthalt im fünften oder sechsten Semester empfohlen, nachdem die Vorklinik abgeschlossen ist. Informier Dich dazu auf der Seite Deiner Fakultät und mach am besten einen Termin mit dem Erasmus-Koordinator aus.
Vor der Abreise sollten die Kurswahl und die zu erbringenden Studienleistungen mit der eigenen Fakultät abgestimmt werden. Es wird ein Learning Agreement erstellt, in dem Du gemeinsam mit dem Erasmus-Koordinator festlegst, welche Leistungen Du während des Auslandsaufenthalts erbringst. In der Regel werden diese nach Deiner Rückkehr bei Vorlage der entsprechenden Nachweise anerkannt.
Zu beachten ist jedoch, dass es im Fach Tiermedizin selten möglich ist, wirklich alle vorgesehenen Kurse im Ausland zu absolvieren. Es kommt also darauf an, wie wichtig es Dir ist, in Regelstudienzeit fertig zu werden – meistens werden die Erfahrungen, die mit einem Auslandssemester einhergehen, aber als so positiv bewertet, dass sie die „verlorene“ Zeit ausgleichen.
Die Alternative: Ein Auslandspraktikum
Es gibt allerdings auch die Option, ein (Pflicht-)Praktikum im Ausland zu absolvieren, denn die Erasmus-Förderung umfasst auch praktische Erfahrungen. Der Vorteil: Du verlierst dadurch keine Zeit im Studium. Sofern die Voraussetzungen bzw. Anforderungen der TAppV (Approbationsordnung für Tierärztinnen und Tierärzte) erfüllt sind, kann das Praktikum vom Prüfungsamt anerkannt werden. Besonders eignet sich das „große“ kurative Praktikum im neunten oder zehnten Semester, da der Mindestaufenthalt für die Praktikumsförderung ebenfalls zwei Monate beträgt.
Allerdings ist der organisatorische Aufwand hier etwas höher: Den Arbeitsplatz musst Du Dir selbst suchen. Bei einigen Universitäten wie der LMU München finden sich aber viele Erfahrungsberichte, die bei der Auswahl der richtigen Stelle helfen können. Auch das International Office bzw. der Erasmus-Koordinator Deiner Fakultät hat in der Regel gute Tipps für die Stellensuche.
Wie sieht die Förderung aus?
Für die verschiedenen Ländergruppen werden die Fördersätze jährlich neu festgelegt. So liegt die monatliche Unterstützung derzeit zwischen 540 € und 600 € – das sind allerdings die Maximalbeträge, die gezahlt werden können. Die Erasmus-Förderung ist kein Vollstipendium, sondern soll Mehrkosten, die durch den Auslandsaufenthalt entstehen, ausgleichen. Das Geld kann zusätzlich zum Auslands-BAföG oder dem Deutschlandstipendium gezahlt werden. Zusätzliche Zahlungen sind etwa für Erstakademiker oder Studierende mit Behinderung, möglich. Auch ein Reisekostenzuschuss kann gezahlt werden.
Einen Auslandsaufenthalt zu planen, kann ganz schön nervenaufreibend und überfordernd sein. Besonders wenn Du einen Studienaufenthalt planst, erhältst Du vom International Office Deiner eigenen, wie auch der Partneruniversität Hilfe bei der Planung und Vorbereitung -egal, ob es um die Anrechnung von Leistungsnachweisen oder um Fragen zu kulturellen Besonderheiten geht.
Wie läuft die Bewerbung ab?
Ganz wichtig: Die Vorbereitung eines Erasmus-Aufenthalts kostet viel Zeit! Die Bewerbungsfristen liegen oft schon zwölf Monate vor der geplanten Ausreise. Gerade weil sich ein Auslandsaufenthalt in der Tiermedizin nicht so flexibel integrieren lässt wie in anderen Fächern, solltest Du Dich schon in den ersten Semestern über die Möglichkeiten informieren.
Die Bewerbung erfolgt in der Regel über die veterinärmedizinische Fakultät. Neben einem tabellarischen Lebenslauf wird auch ein Motivationsschreiben gefordert, in dem Du auch darstellen solltest, welche Rolle der Aufenthalt für Dein berufliches Wachstum spielt. Meist spielt der ebenfalls einzureichende Notenspiegel eine untergeordnete Rolle: Von Erasmus profitieren kannst Du nicht nur mit Top-Leistungen. Sofern die notwendigen Kriterien erfüllt und ausreichend Plätze vorhanden sind, erhältst Du weitere Informationen von der Partneruniversität.
Das gilt es zu beachten
Um das Leben vor Ort musst Du Dich dabei selbst kümmern. Wohnen, Versicherungen und notwendige Impfungen – all das kostet einiges an Zeit. Fang also früh genug an.
Ob bei klinischen Kursen oder Praktika, die Tiermedizin ist stark praxis- und kommunikationsbezogen. Ein gutes Sprachverständnis ist in jeglicher Hinsicht essenziell. Das solltest Du auch in der Auswahl Deines Ziellandes mit einbeziehen Oft ist es möglich, sich mit einem geringeren Sprachniveau für Erasmus zu bewerben und das final geforderte Niveau (in der Regel B2) kurze Zeit vor dem Aufenthalt vorzuweisen. Erasmus-Studierende können kostenlos die OLS-Sprachvorbereitung nutzen. Wie gut Deine Kenntnisse sein müssen, gibt die Partneruniversität vor.
Am besten kannst Du Dich auf die Zeit vorbereiten, indem Du Dich mit Vorgängern austauschst. Studierende höherer Semester haben oft wertvolle Tipps und Kontakte, die Dir das Ankommen erleichtern. Manche Fakultäten vermitteln Rückkehrer als Mentoren – frag einfach mal nach, ob es dieses Angebot gibt.
Erasmus: Auch im Tiermedizinstudium eine Erfahrung wert
Auch wenn die Möglichkeiten im Tiermedizinstudium nicht ganz so flexibel sind wie in anderen Fächern: Die meisten Universitäten, in denen man in Deutschland Tiermedizin studieren kann, fördern und unterstützen Dich bei der Umsetzung Deiner Auslandserfahrung. Ob Forschungspraktikum, die Uni in einer ganz neuen Stadt erleben oder auf der Weide im Nirgendwo: Ein Erasmus ist eine tolle Möglichkeit, Deine fachlichen Perspektiven zu erweitern und dabei ganz nebenbei Land, Leute und Tiere zu entdecken. Das lohnt sich auf jeden Fall, selbst wenn man dafür ein Semester mehr in Kauf nehmen muss – bei einem Praktikum klappt es aber auch ohne Verzögerung. Also weg mit den Zweifeln, her mit dem Abenteuer!

Jana Detscher
Jana studiert derzeit im Masterstudiengang "Theorien und Praktiken professionellen Schreibens" und widmet sich mit großer Leidenschaft dem präzisen und kreativen Umgang mit Sprache. Ob bei der Recherche oder beim zielgruppengerechten Schreiben – Jana bringt fundierte Erfahrung im redaktionellen Arbeiten mit, unter anderem durch Stationen beim Literaturhaus Köln und dem Dokumentationszentrum DOMiD e.V.
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