Ein steriles und kaltes Labor im flackernden Neonlicht. Mehrere Obduktionstischen stehen frei im Raum. Auf jedem liegt eine Leiche, nur halb abgedeckt, es ragen bleiche Köpfe oder Füße unter den Papierdecken heraus. Der hochintelligente Rechtmediziner mit rabenschwarzem Humor schnibbelt mit einem Skalpell an den leblosen Körpern herum – und ist am Ende derjenige, der dem Ermittlerteam den entscheidenden Tipp gibt, um den Fall zu lösen.
So in der Art wird die Rechtmedizin oft in bekannten Kriminalserien dargestellt: Ein dramatischer, kühler Ort, an dem nerdige und leicht schräge Menschen arbeiten. Das schreckt dich nicht ab und du überlegst, deine Famulatur in der Rechtsmedizin zu absolvieren? Super, denn so, wie es in Film und Fernsehen abgebildet wird, geht es wohl eher selten zu. Im Gegenteil, eine Famulatur in diesem Fach bietet die seltene Gelegenheit, ganz neue Perspektiven auf den menschlichen Körper zu gewinnen. Doch was erwartet einen wirklich – Gänsehaut oder Erkenntnis? Hier sind alle wichtigen Informationen rund um die Famulatur in der Rechtsmedizin zusammengefasst.
Zunächst einmal: Was macht man überhaupt als Famulant oder Famulantin? Die Famulatur ist das Praktikum der Medizinstudierenden und dient dazu, praktische Erfahrungen in verschiedenen medizinischen Fachbereichen zu vermitteln. Während der Famulatur wirst Du vollkommen in den Arbeitsalltag einbezogen, um eine möglichst realitätsnahe Praxiserfahrung zu erhalten.
Im Falle der Rechtsmedizin bedeutet das: Du nimmst an Fallbesprechungen teil, assistierst bei Obduktionen, fertigst Gutachten sowie Obduktionsprotokolle an, siehst bei histologischen oder toxikologischen Untersuchungen zu oder begleitest Außentermine wie etwa ins Gericht oder an Leichenfundorte. Wie viel Du machen darfst und was genau Deine Aufgaben sind, hängt immer auch sehr vom Praktikumsort und deiner eigenen Motivation ab. Meistens lohnt es sich, offen zu sein, viel nachzufragen und sich interessiert zu zeigen.
Wie „gruselig“ ist es nun aber in der Rechtsmedizin? Verständlicherweise schreckt der Gedanke, mit Toten zu arbeiten, erst einmal ab. Viele Medizinstudierende berichten jedoch durchweg positiv von ihrer Famulatur in der Rechtsmedizin. Ein wichtiger Punkt besteht darin, den Tod als normalen Teil des medizinischen Alltags zu begreifen und ihn damit zu entmystifizieren. Außerdem vorteilhaft an der medizinischen Arbeit mit Verstorbenen besteht darin, dass man sich Zeit nehmen und unbegrenzt viele Fragen stellen kann. Anders als im Rettungsdienst geht es hier nicht mehr um Leben und Tod. Auf den Patienten muss in dem Sinne logischerweise keine Rücksicht genommen werden. Man lernt, eine professionelle und routinierte, aber respektvolle Distanz zu den Verstorbenen aufzubauen. Medizinstudierende beschreiben die (Lern-)Atmosphäre in der Rechtsmedizin daher oft als sehr viel harmonischer und entspannter als in anderen medizinischen Abteilungen. Natürlich müssen Famulanten der Rechtsmedizin körperlich sowie emotional belastbar sein. Die Arbeit kann fordernd sein und auch ein gewisser Ekel bei den ersten Obduktionen ist völlig normal. Die Fälle können darüber hinaus von Suizid über Gewaltverbrechen bis hin zum Kindstod reichen und emotional schwer verdaulich sein. Erfahrungsstimmen berichten aber von viel emotionaler Unterstützung im Team und einer gewissen Routine, die sich mit der Zeit einstellt. Und ganz so düster wie in den Serien geht es in der Rechtsmedizin wie gesagt ohnehin selten zu – in der Realität gehört auch viel Bürokratie, Administratives und Berichteschreiben dazu.
Das Lernpotenzial in der Rechtsmedizin wird als sehr hoch eingeschätzt. Immerhin handelt es sich dabei um ein interdisziplinäres Fach, das Medizin, Recht und auch Ethik miteinschließt. Wichtige Fähigkeiten in der Rechtsmedizin sind präzises Beobachten und Dokumentieren, fundiertes anatomisches Wissen, juristische Grundkenntnisse sowie die Fähigkeit, Todeszeitpunkt, Verletzungsmuster und Gewalteinwirkungen einzuordnen. Diese Kompetenzen lassen sich auch auf viele andere medizinische Fachgebieten übertragen und sinnvoll anwenden. Die verfügbaren Plätze für eine Famulatur in der Rechtsmedizin sind oft rar und begehrt, eine frühzeitige Bewerbung ist unabdingbar. Die Bewerbungsformalien und -voraussetzungen variieren von Universität zu Universität, unbedingt frühzeitig informieren.
Wenn Du Interesse an forensischer Medizin und Kriminalistik und keine Scheu vor Leichenkontakt hast, offen für ungewohnte Situationen bist, analytisch denken und gut beobachten kannst und eine gute Portion körperliche und emotionale Belastbarkeit mitbringst, könnte die Famulatur in der Rechtsmedizin genau das Richtige für Dich sein. Es handelt sich dabei keinesfalls um ein klassisches medizinisches Praktikum und kann unter den richtigen Umständen Dein ärztliches Urteilsvermögen schärfen und zeigen, wie eng Medizin und Recht miteinander verbunden sind.
Spannend? Auf jeden Fall! Gruselig? Gelegentlich – aber sicherlich nicht so schaurig-dramatisch wie in den gängigen Krimiserien.

Mattea Müller
Mattea Müller studiert Deutsch als Zweit- und Fremdsprache sowie Hispanistik an der Universität Bonn. Durch Stationen beim WDR, ZDF Digital und verschiedenen Redaktionen bringt sie journalistische Erfahrung und ein sicheres Sprachgefühl mit. Besonders interessiert sie sich für kulturelle Themen, Lateinamerika und gesellschaftliche Fragen rund um Sprache und Bildung.
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