Das Physikum ist für viele Medizinstudierende die erste richtig große Hürde. Zwei volle Tage mit je 160 Fragen, und danach noch die mündliche Prüfung in Anatomie, Physiologie und Biochemie. Kein Wunder, dass einem da schon Monate vorher der Magen flau wird. Vielleicht denkst Du gerade: „Wie soll ich diesen riesigen Stoffberg jemals schaffen?“ Genauso haben es alle vor Dir auch gedacht. Fast alle haben es am Ende geschafft, weil sie einen guten Plan hatten und Schritt für Schritt gelernt haben, anstatt sich von der Masse an Stoff erdrücken zu lassen. Trotzdem werden zu Anfang immer wieder die gleichen Fehler gemacht. Damit Du nicht dieselben Fallen tappst, kommen hier die besten Tipps aus der Praxis.
Was ist das Physikum?
Das Physikum ist der erste große Abschnitt der Ärztlichen Prüfung und markiert den Übergang von der Vorklinik zur klinischen Ausbildung. Es prüft, ob Du die Grundlagen der Medizin wirklich verstanden hast und anwenden kannst. Die Prüfung besteht aus zwei Teilen, einer schriftlichen Prüfung über mehrere Fächer sowie einer mündlichen Prüfung. Viele Studierende empfinden die Prüfung als riesigen Berg Stoff, aber wenn man frühzeitig lernt, wiederholt und sich an die Prüfungsstruktur gewöhnt, ist sie absolut machbar.
Schriftlicher Teil:
Er besteht aus insgesamt 320 Multiple-Choice-Fragen, die auf zwei Tage verteilt werden, jeweils mit einer Prüfungsdauer von vier Stunden. Die Fächer sind unterschiedlich stark gewichtet.
- Anatomie und Biologie (100 Fragen)
- Physiologie und Physik (80 Fragen)
- Chemie und Biochemie (80 Fragen)
- Psychologie und Soziologie (60 Fragen)
Mündlicher Teil:
Er dauert etwa 45 bis 60 Minuten. Geprüft wirst Du hier in den Fächern Anatomie, Physiologie und Biochemie/Molekularbiologie. Oft werden 2 bis 3 Fragen pro Fach gestellt, die sowohl theoretisches Wissen als auch die praktische Anwendung, z. B. am Präparat in Anatomie, abfragen.
Lernplan & Vorbereitung
Am Anfang denkst Du vielleicht: „Easy, ich zieh einfach einen Lernplan durch und dann passt das.“ Nach zwei Wochen merkst Du aber, dass Du die ersten Themen schon nicht mehr im Kopf hast. Deshalb ist es wichtig, einen Plan zu haben, der Wiederholungen einbaut und den Stoff Schritt für Schritt strukturiert.
- Klassischer 8-Wochen-Plan: Ein beliebter Ansatz ist der klassische 8-Wochen-Plan, etwa über Amboss oder via medici. Er umfasst rund 50 Tage und dient als kompakter Endspurt vor dem Physikum. Dabei ist mit einer täglichen Lernzeit von etwa 6–7 Stunden zu rechnen, um alle relevanten Themen in kurzer Zeit abzudecken. Nachteile dieses Plans sind, dass jedes Thema nur einmal behandelt wird, die tägliche Lernbelastung sehr hoch ist und der Stress während der Vorbereitung deutlich steigt. Daher eignet sich dieser Plan vor allem für Studierende, die bereits eine solide Grundlage haben oder einen intensiven Endspurt benötigen.
- Amboss: sehr strukturiert, tägliche Kapitel plus Kreuzen, Fokus auf Prüfungssimulation
- via medici: themenbasiert vom kleinsten Detail bis zu den großen Strukturen, Fokus auf Verständnis und systematischem Aufbau
- 26-Wochen-Plan: Der 26-Wochen-Plan eignet sich für eine langfristige Vorbereitung und sieht täglich etwa 4 Stunden Lernzeit vor. Alle Themen werden Schritt für Schritt bearbeitet, regelmäßig wiederholt und das komplette vierte Semester gezielt als Vorbereitung auf das Physikum genutzt. Dieser Plan kann von jedem Studierenden individuell angepasst werden. Am effektivsten ist es auch hier, nicht mit den Vorlesungsaufzeichnungen zu lernen, sondern Materialien wie Amboss oder via medici zu verwenden. Im Folgenden ist ein beispielhafter Lernplan dargestellt.
- Woche 1–5: Biochemie, Zellphysiologie & allgemeine Histologie
- Woche 6–9: Neuroanatomie & Neurophysiologie
- Woche 10–12: Molekularbiologie & Psychologie/Soziologie
- Woche 13–17: Makroskopische Anatomie, spezielle Histologie & Organphysiologie
- Woche 18–21: Physik, Biologie & Chemie
- Woche 22–26: Wiederholungen + gezielte Vorbereitung auf die mündliche Prüfung mit Altfragen
Egal, für welchen Plan Du Dich entscheidest, Disziplin ist entscheidend, denn sie macht etwa 99 % des Erfolgs aus. Sollte einmal ein Tag ausfallen, ist das kein Grund zur Panik, einfach weitermachen und den Plan konsequent fortführen.
Kernfächer priorisieren & Prüfungsmodus trainieren
Viele berichten, dass Neuro und Biochemie die Fächer waren, die am meisten Zeit gekostet haben. Deshalb solltest Du mit diesen Themen früh starten, solange Du noch frisch bist. Physik, Chemie und Biologie können später nachgeholt werden, da vieles bereits in anderen Fächern wiederholt wird und punktetechnisch weniger ergiebig ist. Psychologie und Soziologie sind echte Punktebringer, die in wenigen Tagen gelernt werden können. Fast alle, die das Physikum bestanden haben, betonen die Bedeutung des Kreuzens. Dabei solltest Du im Prüfungsmodus kreuzen, ohne sofort die Lösung anzuschauen und erst danach Deine Fehler analysieren. Schnell erkennst Du Muster und typische IMPP-Fragen. Anfangs haben viele nur etwa 30 % der Fragen richtig beantwortet. Bereits nach zwei Wochen täglichem Kreuzen kommt man aber bereits auf 70 %. Ein großer Selbstvertrauensboost. Tägliches Kreuzen steigert somit die Sicherheit, hilft beim Zeitmanagement und simuliert die Prüfungssituation realistisch.
Aktives Lernen & Teamwork
Markieren ist nicht Lernen. Schreib deshalb Stoffwechselwege selbst auf, am besten immer wieder, und hänge Poster oder Skizzen an die Wand, denn das Gehirn merkt sich Bilder leichter als Text. Nutze Anki, ein digitales Karteikartensystem, oder klassische Karteikarten, um Themen regelmäßig zu wiederholen. Anki basiert auf dem Prinzip der Abstandswiederholung. Karten werden in definierten Abständen wiederholt, sodass Du den Stoff effizient ins Langzeitgedächtnis überträgst. So behältst Du Inhalte dauerhaft, ohne alles ständig wiederholen zu müssen. Viele merken erst kurz vor der Prüfung, dass sie nur Texte angestrichen haben, aber kaum etwas aktiv behalten haben. Mach diesen Fehler nicht.
Die mündliche Prüfung wirkt zunächst wie ein Schreckgespenst, ist aber meist eher ein Gespräch als ein Kreuzverhör. Altprotokolle sind Pflicht, da die meisten Prüfer Standardfragen nutzen. Lerne mit Partner:innen. Wenn Du ein Thema erklären kannst, sitzt es wirklich. Der Fokus sollte dabei auf den Basics liegen. Besser Muskelgruppen und Funktionen kennen als jeden einzelnen Ursprung und Ansatz. Im Präpsaal Strukturen zu zeigen, die auch in der Prüfung drankamen, war zudem für viele Gold wert.
Zeitmanagement bei der schriftlichen Prüfung
Im Schnitt hast Du etwa 90 Sekunden pro Frage. Beginne mit den Fragen, die Dir leichtfallen und viele Punkte bringen, um schnell Sicherheit und Punkte zu sammeln. Schwierige Fächer oder Fragen, zum Beispiel Physik und Chemie, bearbeitest Du danach, damit Du nicht in Zeitnot gerätst. Markiere alle Antworten, bei denen Du unsicher bist, und gehe sie am Ende noch einmal durch. Lass Dich zudem von einzelnen schwierigen Fragen nicht verunsichern, sondern behalte am besten den Überblick und arbeite strategisch weiter.
Pausen, Power & Durchhaltevermögen
„Das Physikum ist ein Marathon.“ Wenn Du Dich überforderst, geht Dir auf halber Strecke die Luft aus. Plane Pausen gezielt ein, ohne schlechtes Gewissen. Bewegung, Sport oder Spaziergänge helfen, den Kopf freizubekommen. Stell Deinen Schlafrhythmus frühzeitig auf die Prüfungszeiten um und hör auf, Dich ständig mit anderen zu vergleichen, da jede:r ein anderes Lerntempo hat. Fast alle, die schon durch sind, gönnten sich außerdem direkt etwas Schönes nach dem Physikum, wie einen Urlaub, Essen gehen oder einfach mal einen Abend Netflix. Dieses Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist wichtig für Deine Motivation.
Fazit
Das Physikum ist eine der größten Hürden im Medizinstudium, aber mit klugem, strukturiertem Vorgehen ist es machbar. Ob Du Dich für den klassischen 8-Wochen-Endspurt-Plan oder eine langfristige Vorbereitung entscheidest, entscheidend ist, dass Du kontinuierlich und diszipliniert arbeitest. Nutze die Vorklinik gezielt, wiederhole und kreuze regelmäßig und gehe aktiv mit dem Stoff um. Stress gehört dazu, lässt sich aber durch Planung, Pausen und Bewegung deutlich reduzieren.
Die schriftliche Prüfung kann einschüchternd wirken, doch wer die Zeit gut plant, wird überrascht sein, wie viele Punkte man erreicht. Die mündliche Prüfung ist meist weniger angsteinflößend als erwartet. Altprotokolle und Partnerlernen helfen enorm. Vergiss nicht, Kopf und Körper brauchen Pflege. Schlaf, Bewegung und kleine Belohnungen halten Dich motiviert und leistungsfähig. Wenn Du Schritt für Schritt vorgehst, erkennst Du Muster, baust Selbstvertrauen auf und meisterst die Prüfungssituation souverän.

Dr. rer. nat. Anne Schneider
Dr. Anne Theres Schneider ist promovierte Biologin und arbeitet an der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie betreut medizinische und biologische Doktorand:innen und verfasst wissenschaftliche sowie allgemeinverständliche Texte mit besonderem Gespür für komplexe Inhalte. Durch ihre Nähe zur akademischen Ausbildung kennt sie die Herausforderungen des Medizinstudiums aus erster Hand.
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