Arbeitsmediziner haben nach ihrem Medizinstudium die Facharztausbildung Arbeitsmedizin abgeschlossen. Im Vergleich zu den meisten anderen Ärzten steht für sie nicht die Behandlung sondern ausschließlich die Prävention von Krankheiten im Fokus, die in Verbindung mit der Arbeitsstelle stehen. Sie kennen sich mit gesetzlichen Verordnungen im Bereich Arbeitsschutz aus und beraten Unternehmen und Mitarbeiter in Bezug auf betriebsbedingte Gesundheitsrisiken.
Was zeichnet die Arbeit als Arbeitsmediziner aus?
Ab einer Anzahl von 20 Mitarbeitern ist man als Unternehmen dazu verpflichtet, einen Arbeitsschutzausschuss (ASA) einzurichten: Dieser Ausschuss tagt jedes Viertel-Jahr und setzt sich aus Arbeitgeber, 2 Mitgliedern des Betriebsrates, Sicherheitsbeauftragten und einem Arbeitsmediziner zusammen. Der Arbeitsmediziner unterstützt das Team bei der Bewertung gesundheitlicher Risiken am Arbeitsplatz und entwickelt Maßnahmen, um diese zu minimieren. Mit seinem ärztlichen Fachwissen wirkt er zudem an Programmen zur Gesundheitsförderung und Prävention im Unternehmen mit.
Arbeitsmediziner, die in einem Unternehmen angestellt sind, werden auch Betriebsärzte genannt – trotzdem sind Betriebsärzte nicht immer gleich Arbeitsmediziner. Neben der Facharztausbildung in der Arbeitsmedizin gibt es die Zusatzweiterbildung Betriebsmedizin – diese qualifiziert Ärzte aus unterschiedlichen Fachbereichen für arbeitsmedizinische Beratungen. Sie ist jedoch nicht so umfangreich und tiefgreifend wie eine Facharztausbildung in der Arbeitsmedizin. Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin können zum Beispiel keine fachärztlichen Diagnosen bei komplexen Fällen stellen, die eine tiefgehende arbeitsmedizinische Expertise erfordern oder in der Ausbildung und Supervision von Fachärzten für Arbeitsmedizin mitwirken.
Was unterscheidet einen Arbeitsmediziner von einem Betriebsmediziner?
Betriebsmediziner sind Ärzte, die ergänzend zu ihrer Facharztausbildung die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin erworben haben. Arbeitsmediziner hingegen haben ihre Facharztausbildung im Bereich der Arbeitsmedizin absolviert, ihre Ausbildung nimmt etwa 5 Jahre in Anspruch und ist deutlich umfangreicher. Die Zusatzweiterbildung zum Betriebsarzt dauert nur etwa 1 bis 1,5 Jahre und richtet sich an Fachärzte aller Disziplinen in der unmittelbaren Patientenversorgung. Arbeitsmediziner arbeiten meist hauptberuflich in großen Unternehmen, bei Berufsgenossenschaften oder in arbeitsmedizinischen Diensten. Fachärzte mit der Zusatzqualifikation Betriebsmedizin bleiben oft regulär als Arzt in ihrem Fachbereich tätig und nutzen die Zusatzbezeichnung, um zusätzliche betriebsmedizinische Leistungen anzubieten. Fachlich sind Arbeitsmediziner deutlich umfangreicher ausgebildet – vor allem in Bezug auf komplexe Fälle, Gutachtenerstellung oder toxikologisch belastete Arbeitsplätze. Betriebsmediziner übernehmen vor allem Standard-Vorsorgen, Impfungen und Beratungen.
Worin liegen die Aufgaben eines Arbeitsmediziners?
- Begehung und Bewertung des Arbeitsplatzes: Arbeitsmediziner untersuchen Arbeitsplätze, um Gesundheitsrisiken zu identifizieren und Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu veranlassen – zudem kontrollieren sie, ob diese Maßnahmen umgesetzt und alle Arbeitsschutzvorschriften eingehalten werden
- Prävention und Gefährdungsbeurteilung: Sie führen Untersuchungen durch, um gesundheitliche Probleme und Beeinträchtigungen frühzeitig zu erkennen und erstellen Gutachten zur Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter
- Betriebliches Gesundheitsmanagement: Arbeitsmediziner entwickeln Programme zur Gesundheitsförderung der Mitarbeiter, beispielsweise in Bezug auf Stressmanagement, psychische Belastungen oder Ergonomie am Arbeitsplatz. Zudem schulen sie Mitarbeiter zum Thema Gesundheitsschutz, zum Beispiel bezüglich des Umgangs mit Gefahrstoffen oder den gesundheitlichen Folgen von Schichtarbeit
- Fachärztliche Diagnostik bei speziellen Erkrankungen: Bei einigen berufsbedingten Erkrankungen der Mitarbeiter erstellen sie Diagnostiken und dokumentieren den Fall
- Unterstützung bei der Wiedereingliederung: Der Arbeitsmediziner selbst führt keine medizinischen Behandlungen durch, aber er steht im Austausch mit den behandelnden Ärzten der Mitarbeiter und unterstützt sie bei der Wiedereingliederung nach Erkrankungen
- Fachärztliche Weiterbildung und Supervision: Arbeitsmediziner können Weiterbildungen für andere Ärzte oder Fachkräfte im Arbeitsschutz durchführen und diese anleiten
- Mitwirkung bei rechtlichen Verfahren: Mit ihrer umfangreichen Fachexpertise dürfen Arbeitsmediziner bei eventuellen Gerichtsverfahren mitwirken und den jeweiligen Betrieb vertreten
Wo arbeiten Arbeitsmediziner?
Im Jahr 2023 zählte die Bundesärztekammer im Rahmen ihrer Ärztestatistik 428.474 berufstätige Ärzte, darunter 4.101 Fachärzte für Arbeitsmedizin. Sie arbeiten:
- In Betrieben: Viele Arbeitsmediziner arbeiten hauptberuflich in Unternehmen und sind direkt vor Ort im Betrieb tätig.
- In Arbeitsmedizinischen Diensten: Viele Arbeitsmediziner sind bei arbeitsmedizinischen Diensten wie BAD, DEKRA oder TÜV angestellt. Solche Dienste vermitteln Arbeitsmediziner an Unternehmen.
- In Praxen: Ungefähr ein Sechstel der berufstätigen Arbeitsmediziner arbeitet in Praxen, die sich auf das Gebiet der Arbeitsmedizin spezialisiert haben und Arbeitnehmer mit Eignungsuntersuchungen (z. B. für den Polizeidienst) oder speziellen Schutzimpfungen (z. B. bei Geschäftsreisen) versorgen. Einige Praxen bieten mobile Dienste an oder machen Firmenbesuche.
- In Kliniken: In Kliniken arbeiten Arbeitsmediziner oft im Institut für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin oder im arbeitsmedizinischen Dienst. Ihre Hauptaufgabe ist der Gesundheitsschutz und die Förderung der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten.
- Bei Unfallversicherungen: Einige Arbeitsmediziner erstellen Gutachten und Bewertungen für Versicherungen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Unfallfolgen oder Berufserkrankungen.
- Fachverbände und Organisationen: Manche Arbeitsmediziner wirken mit ihrer Expertise in Fachverbänden wie der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) mit.
Wie wird man Arbeitsmediziner?
Um sich als Arbeitsmediziner bezeichnen zu dürfen, muss man nach Bestehen aller drei Staatsexamen des Humanmedizinstudiums und nach Erhalt der Approbation als Arzt, gemäß § 3 der Bundesärzteordnung (BÄO), eine Facharztausbildung im Bereich Arbeitsmedizin absolvieren. Die exakten Regelungen variieren je nach Bundesland. Die fachärztliche Ausbildung nimmt in der Regel etwa 5 Jahre in Anspruch.
Gemäß der Weiterbildungsordnung der Ärztekammer Nordrhein beinhaltet die Ausbildung zum Arbeitsmediziner:
- 60 Monate Arbeitsmedizin unter Befugnis an Weiterbildungsstätten
- davon 24 Monate zum Kompetenzerwerb in anderen Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung
- 360 Stunden Kurs-Weiterbildung in Arbeitsmedizin/Betriebsmedizin
Auf den Webseiten der Landesärztekammern findet man Suchportale, in die man Facharztbereich und Stadt eingeben kann, um sich zur Weiterbildung befugte Institutionen anzeigen zu lassen. Die arbeitsmedizinische Facharztausbildung wird hauptsächlich von arbeitsmedizinischen Diensten und Praxen angeboten. Die Theorieeinheiten kann man beispielsweise bei der Ärztlichen Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung Nordrhein in Form von Blockkursen absolvieren.
Welche Fortbildungen und Spezialisierungen gibt es?
Im Januar 2004 wurde im Rahmen des GKV-Modernisierungsgesetzes festgelegt, dass sich Fachärzte stetig fortbilden müssen. Innerhalb von 5 Jahren sind 250 CME-Punkte (CME = Continuing Medical Education) zu sammeln: Für den Besuch von Vorträgen und Diskussionen erhält man beispielsweise einen Punkt, mehrtägige Kongresse bringen drei Punkte. Zehn Punkte kann man pro Jahr ohne Nachweise für das Selbststudium mittels Fachliteratur angerechnet bekommen.
Zum Erhalt seiner Facharztanerkennung ist die regelmäßige Auffrischung und Aktualisierung seines Wissens essenziell, zum Beispiel muss man sich im Bereich Arbeitsschutzgesetz, Gefahrstoffrecht oder Impfmanagement kontinuierlich fortbilden. Zusätzlich kann man sein Fachwissen in verschiedenen Bereichen vertiefen: Je nach Branche verändern sich die Anforderungen an die Arbeitsmedizin – Arbeitsmediziner können sich beispielsweise auf die Bereiche Bauwesen oder Chemieindustrie spezialisieren. Innerhalb des Fachbereichs kann man sein Wissen zum Beispiel im Bereich Arbeitspsychologie (Stress-Management/ Burnout-Prävention etc.) oder Toxikologie (spezielle chemische Belastungen) vertiefen.
Online-Plattformen wie das Forum Medizin Fortbildung (FOFM) bieten zahlreiche Fort- und Weiterbildungskurse in den Bereichen Betriebs- und Arbeitsmedizin an. Für das Selbststudium empfiehlt sich die wissenschaftliche Fachzeitschrift Umweltmedizin – Hygiene – Arbeitsmedizin, die von der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) publiziert wird. Die DGAUM-Akademie organisiert zudem Kurse zu aktuellen Themen wie Digitalisierung am Arbeitsplatz, Künstliche Intelligenz im Arbeitsschutz oder neue gesetzliche Vorgaben.
Wie viel verdient ein Arbeitsmediziner?
Das konkrete Gehalt eines Arbeitsmediziners ist davon abhängig, wo er arbeitet und wie viel Erfahrung er vorweisen kann. In Unternehmen kann die Vergütung sehr unterschiedlich ausfallen.
Tarifverträge für Krankenhäuser machen keinen Unterschied in Bezug auf Facharztausbildungen oder Spezialisierungen, sodass die meisten stationär angestellten Fachärzte den gleichen Satz verdienen. Lediglich die hierarchische Ebene – Assistenzarzt, Facharzt, Chefarzt oder Oberarzt – sowie die Berufserfahrung haben Einfluss auf die Höhe des Einkommens. Ist man als Facharzt für Arbeitsmedizin in einer Uniklinik angestellt, verdient man im ersten Jahr 7.426,63 Euro brutto monatlich, nach 9 Jahren Berufserfahrung beläuft sich das Gehalt auf 8.903,30 Euro.
470 Arbeitsmediziner waren 2023 in eigener Praxis niedergelassen. Der durchschnittliche jährliche Reinertrag einer Praxis aus dem Bereich Arbeitsmedizin liegt bei etwa 237.000 Euro und ist im Vergleich zu anderen Fachgebieten eher gering. Der Reinertrag ist die Differenz zwischen den Einnahmen und den Betriebsausgaben und stellt noch nicht das Nettoeinkommen des Praxisinhabers dar. Nach Abzug von Steuern, Versicherungen, Kammerbeiträgen, Beiträgen zum Versorgungswerk, privater Altersvorsorge sowie eventuellen Kreditraten für die Praxisübernahme bleiben dem Inhaber pro Monat schätzungsweise 6.000 Euro netto.
Welche Zukunftsperspektiven hat die Arbeitsmedizin?
Die Zukunftsperspektiven der Arbeitsmedizin sind vielversprechend. Immer mehr Unternehmen legen Wert auf präventive Maßnahmen, um Krankheitsausfälle zu reduzieren und das allgemeine Bewusstsein für Gesundheit am Arbeitsplatz wächst. Dazu gehört auch der Bereich Mental Health, die psychische Gesundheit der Mitarbeiter: Arbeitsmediziner sollen zukünftig stärker in die Prävention, Früherkennung und Unterstützung bei psychischen Belastungen eingebunden werden.
Die fortschreitende Digitalisierung und die Entwicklung neuer Technologien werden die betriebsärztliche Arbeit in Zukunft effizienter und patientenspezifischer gestalten. Der Einsatz von Wearables wie Smart Watches in Kombination mit Gesundheit-Apps wie Cardiogram eröffnen neue Möglichkeiten der Gesundheitsüberwachung und individuellen medizinischen Beratung.
Neben der persönlichen Gesundheit wird auch Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen immer größere Bedeutung zugemessen: Mit wachsendem Umweltbewusstsein wird die arbeitsmedizinische Beratung in Zukunft mehr Aspekte des nachhaltigen Arbeitens und der Minimierung umweltbedingter Gesundheitsrisiken umfassen.
Herausforderungen liegen im Bereich der steigenden Flexibilität von Arbeitsplätzen und Arbeitszeiten: Die gesetzlich festgelegte arbeitsmedizinische Betreuung ist auf ortsgebundene Arbeitsplätze ausgerichtet. Die steigende Flexibilität von Ort- und Arbeitszeiten führt dazu, dass es Arbeitsmedizinern zunehmend schwerfällt, Zugriff auf die versorgten Mitarbeiter zu erhalten. Viele Arbeitnehmer, die ein Anrecht auf eine arbeitsmedizinische Betreuung hätten, haben noch nie einen Betriebsarzt gesehen.
Darüber hinaus steht ein zentrales Problem im Vordergrund: In der Arbeitsmedizin herrscht Facharztmangel. Es gibt knapp 46 Millionen Erwerbstätige in Deutschland und bei weitem nicht genug Arbeitsmediziner, die diese versorgen könnten. Zudem sind mehr als die Hälfte der Arbeitsmediziner älter als 65 Jahre und gehen bald in den Ruhestand.
Fazit – Lohnt sich der Weg zum Arbeitsmediziner?
Der Weg zum Arbeitsmediziner kann sich lohnen. Die Facharztausbildung nimmt 5 Jahre in Anspruch und öffnet die Türe, um in diversen Branchen und für unterschiedliche Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu arbeiten: Direkt bei Bayer in der Chemiebranche oder über einen arbeitsmedizinischen Dienst vermittelt an ein kleineres Holzbau-Unternehmen. Als Arbeitsmediziner kann man mit planbaren Arbeitszeiten rechnen, es gibt keine Bereitschaftsdienste und man muss nicht auf plötzliche medizinische Notfälle gefasst sein. Aufgrund des Nachwuchsmangels und der Überalterung in der Branche sind gute Karrierechancen gegeben – auch in Zukunft wird es angehenden Arbeitsmedizinern nicht an Stellenangeboten mangeln.
FAQs
Was macht ein Arbeitsmediziner?
Arbeitsmediziner haben nach ihrem Medizinstudium die Facharztausbildung Arbeitsmedizin abgeschlossen. Sie beraten Unternehmen und Mitarbeiter in Bezug auf betriebsbedingte Gesundheitsrisiken, sie stellen sicher, dass alle Arbeitsschutzverordnungen eingehalten werden, beurteilen die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter und unterstützen sie nach Erkrankungen bei der beruflichen Wiedereingliederung.
Wie wird man Arbeitsmediziner?
Um sich als Arbeitsmediziner bezeichnen zu dürfen, muss man, nach Bestehen aller drei Staatsexamen des Humanmedizinstudiums und nach Erhalt der Approbation als Arzt, eine 5-jährige Facharztausbildung im Bereich Arbeitsmedizin absolvieren. Die Ausbildung findet in Weiterbildungsstätten statt, die von der jeweiligen Ärztekammer befugt sind. Den praktischen Teil kann man hauptsächlich bei arbeitsmedizinischen Diensten und in Fachpraxen absolvieren, für die Theorieeinheiten gibt es Online-Module.
Wie viel verdient ein Arbeitsmediziner?
Die Vergütung in Unternehmen ist sehr unterschiedlich. Für Kliniken gelten fachbereichsunabhängige Tarifverträge. Ist man als Facharzt für Arbeitsmedizin in einer Uniklinik angestellt, verdient man im ersten Jahr 7.426,63 Euro brutto monatlich, nach 9 Jahren Berufserfahrung beläuft sich das Gehalt auf 8.903,30 Euro. Dem Inhaber einer privaten arbeitsmedizinischen Praxis bleiben pro Monat schätzungsweise 6.000 Euro netto.
Wie lange dauert die Ausbildung zum Arbeitsmediziner?
Die Ausbildung zum Facharzt für Arbeitsmedizin dauert in der Regel 5 Jahre.

Julia Tech
Julia Tech hat Mehrsprachige Kommunikation mit dem Schwerpunkt Translation an der TH Köln studiert und 6 Monate davon an der Université Aix-Marseille im Süden Frankreichs verbracht. Französisch ist ihre Herzenssprache, aber auch im Deutschen ist sie sehr sprachgewandt. Neben ihrem feinen Gespür für zwischenmenschliche Kommunikation interessiert sie sich für Psychologie, Philosophie und Tauchen.
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