Medizinstudium in Deutschland

Medizin an Privatuniversität studieren

Von Jana Detscher9 Min. Lesezeit
Medizin an Privatuniversität studieren

Kein NC und trotzdem Medizin studieren? Immer mehr junge Menschen, die den Traum haben, einmal als Arzt zu arbeiten, suchen nach Alternativen zum klassischen Medizinstudium an staatlichen Universitäten. Aber wie sieht das Studium an einer Privatuniversität wirklich aus? Und kann das jeder einfach machen?

Der Andrang auf das Medizinstudium ist seit jeher hoch – und es gibt zu wenig Ausbildungsplätze, obwohl der Ärztemangel in den kommenden Jahren noch zunehmen wird. Daher ist der Zugang durch den NC limitiert: Gute Chancen hat man an den meisten Hochschulen nur mit einem Top-Abitur. Wenn man den Traum nicht aufgeben will, kann eine Privatuniversität eine Alternative sein. Allerdings gibt es einiges dabei zu beachten.

Warum an einer privaten Uni studieren?

Für viele die größte Motivation: Oft spielt der NC eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Aber auch abseits davon gibt es Gründe, die für Privatunis sprechen:

Einfacher ist das Studium nicht – schließlich erfüllt es dieselben Anforderungen wie das einer staatlichen Uni. Allerdings bieten private Hochschulen oft eine engmaschige Betreuung der Studierenden, Lernen in Kleingruppen und eine sehr gute Ausstattung. Während am klassischen Medizinstudium oft die hohe Theorielastigkeit in den ersten Semestern kritisiert wird, legen viele private Hochschulen Wert auf einen starken Praxisbezug und frühen Patientenkontakt.

Voraussetzungen für ein privates Studium

Auch an den privaten Universitäten sind die Bewerberzahlen hoch. Zwar ist der Notenschnitt in der Regel nicht das ausschlaggebende Kriterium, allerdings gibt es auch hier Anforderungen, die die Bewerber erfüllen müssen. Sie unterscheiden sich von Uni zu Uni. Meistens werden aber neben einer Hochschulzugangsberechtigung ein medizinischer Eignungstest, Praktika oder andere berufliche Erfahrungen im medizinischen Bereich verlangt. Bei vielen Hochschulen gehören auch Motivationsschreiben und ein persönliches Gespräch zum Bewerbungsverfahren. Dabei geht es meistens nicht primär um Deine Leistungen, sondern darum, Deine Haltung und Motivation kennenzulernen. Bei einigen Hochschulen wie der Universitätsmedizin Neumarkt a.M. schon jetzt tief in die Tasche greifen musst: Ganze 595 € kostet allein die Bewerbung.

Diese Privatunis gibt es

In Deutschland gibt es mittlerweile einige Möglichkeiten, ein Medizinstudium an einer privaten Hochschule zu absolvieren. Hier stellen wir einige davon vor.

Universität Witten-Herdecke

An der Universität Witten-Herdecke kannst Du Medizin im Modellstudiengang studieren. Dabei wird viel Wert auf den frühen Kontakt zu Patienten gelegt. Außerdem wird viel in kleinen Lerngruppen gearbeitet. Das Studium ist NC-frei. Für die Online-Bewerbung wird neben dem Abiturzeugnis und einem Lebenslauf auch ein Motivationsschreiben verlangt. Vor der Immatrikulation musst Du außerdem ein sechsmonatiges Pflegepraktikum absolviert haben, zum Zeitpunkt der Bewerbung brauchst Du mindestens eine Bescheinigung über zwei Monate. In einem zweiten Schritt wirst Du zum Auswahltag eingeladen: Hier kannst Du in verschiedenen Gesprächssituationen Deine Eignung unter Beweis stellen. Die Bewerbung kostet 250 € und ist für das Sommersemester zwischen 01.06. und 15.07. sowie für das Wintersemester zwischen 01.12. und 01.02. möglich.

Allerdings bietet die Uni eine Finanzierungsmöglichkeit durch einen umgekehrten Generationenvertrag. Das bedeutet, dass Du erst einmal nicht zahlen musst, sondern die Studiengebühren im späteren Berufsleben nachgezahlt werden.

Medizinische Hochschule Theodor Fontane (MHB)

Auch die Medizinische Hochschule Theodor Fontane (MHB) bietet einen Modellstudiengang in Medizin an und ist NC-frei. Sie sticht besonders durch ein großes Netzwerk an kooperierenden Kliniken und Lehrpraxen hervor, auch gibt es hier einen hohen Praxisanteil und kleine Lerngruppen. Besonders viel Wert wird in der Bewerbung auf Motivation und Praxiserfahrung gelegt. Auch hier finden in einem zweiten Schritt ein persönliches Auswahlverfahren statt, das mehrere Stationen umfasst, unter anderem Gespräche mit Fakultätsmitgliedern und Studierenden. Das Studium startet sowohl zum Sommer- als auch zum Wintersemester, für das Sommersemester kannst Du Dich zwischen dem 01.05. und dem 05.10. bewerben.

Insgesamt kostet das Studium ganze 118.000 €. Dazu kommen für das Semesterticket und Sozialbeitrag noch 260 € je Semester. Zwar gibt es auch hier gibt es die Möglichkeit einen umgekehrten Generationenvertrag abzuschließen, bei diesem können aber nur 30 Prozent der Studiengebühren übernommen werden.

MSB, MSH, HMU

Einen Regelstudiengang bieten die Medical School Berlin (MSB), die Medical School Hamburg (MSH) und die Health and Medical University Erfurt & Potsdam (HMU). Die Bewerbungsverfahren und Kosten sind für alle drei Hochschulen gleich:

Für die Online-Bewerbung brauchst Du auch hier ein Motivationsschreiben, Lebenslauf und Nachweise über bereits vorhandene Berufserfahrungen und soziales Engagement.

Sofern die formalen Voraussetzungen stimmen, wirst Du zu einem digitalen Auswahltermin eingeladen – das heißt, es wird nach der Online-Bewerbung keine Vorauswahl getroffen. Die Bewerber müssen alle 90-minütigen Test mit Multiple-Choice-Fragen aus dem naturwissenschaftlichen- mathematischen Bereich absolvieren. Dieser geht zu 25 Prozent in die Bewertung mit ein. Wesentlich stärker wird das 20-30-minütige Online-Einzelgespräch gewichtet, in dem fachgebundene und Fragen zur Vorerfahrungen und Motivation gestellt werden. Zudem ist eine Fallsimulation integriert.

Schon die Bewerbung kostet 500 €. Die Kosten für ein Studium liegen bei 1.500 € monatlich, im PJ werden sie auf 300 € monatlich reduziert. Zwar gibt es die Möglichkeit mit speziellen Bildungsfonds, die ebenfalls auf dem Prinzip Umgekehrter Generationenvertrag basieren, später zu zahlen. Aber Achtung: Das Angebot gilt erst ab dem zweiten Studienabschnitt, also ab dem fünften Semester.

PMU: Paracelsus medizinische Privatuniversität Nürnberg

Anders als die bereits vorgestellten Hochschulen ist die PMU keine deutsche Universität, sondern in Salzburg beheimatet. Entsprechend erhältst Du mit dem Abschluss den Titel Dr. med. univ. Anders als an den deutschen Hochschulen beträgt die Studienzeit nur fünf statt sechs Jahre.

Das Bewerbungsverfahren ist in drei Phasen gegliedert: Für die Bewerbung musst Du bereits ein vierwöchiges Praktikum in einer medizinischen Einrichtung oder eine Zusage für ein Praktikum vorweisen können. Außerdem umfasst die Bewerbung ein Motivationsschreiben, Lebenslauf und Abiturzeugnis. Sofern die Unterlagen vollständig sind und Du die Gebühren in Höhe von 290 € bezahlt hast, kannst Du den Aufnahmetest absolvieren. Dieser entspricht etwa den Anforderungen des Med AT und ist entsprechend anspruchsvoll. Dabei werden das naturwissenschaftliche Verständnis und kognitive Fähigkeiten geprüft. Zudem wird das englische Sprachverstehen auf Niveau B2+ überprüft. Nur die besten Bewerber werden dann zum Auswahlgespräch eingeladen, wobei das Ergebnis des Aufnahmetests zu 80 Prozent, der Abiturschnitt zu 20 Prozent gewichtet werden.

Die Studienkosten belaufen sich auf 21.500 € im Jahr. Die PMU vergibt Förderstipendien, deren genaue Höhe jedoch auch von „von den vorhandenen finanziellen Mitteln“ abhängt. Es ist demnach unklar, ob diese kostendeckend ausfällt.

Universitätsmedizin Neumarkt a.M. Campus Hamburg (UMHC)

Hier handelt es sich um einen Standort der UMFST Targu Mures aus Siebenbürgen/ Rumänien. Das Studium findet komplett auf Englisch statt. Wenn Deine Bewerbungsunterlagen überzeugt haben, musst Du Deine Einung in einem Interview und einer Kurz-Evaluation auf Englisch unter Beweis stellen. Dabei handelt es sich um 75 Fragen zu Biologie, Chemie und Allgemeinwissen im Multiple-Choice-Format. Außerdem besteht die Möglichkeit, mit dem TMS das hochschuleigene Bewerbungsverfahren zu umgehen: Wer hier mindestens 70 Punkte erreicht hat, erhält direkt eine Zulassung – sofern Studienplätze verfügbar sind.

Du solltest beachten, dass Du hier einen ausländischen Abschluss erhältst. Prinzipiell ist die Approbation in Deutschland möglich und wahrscheinlich – da die UMCH jedoch noch neu ist, kommt es aktuell noch zu Unklarheiten in der Anerkennung der Leistungen.

Die Bewerbung kostet 595 €, außerdem wird bei der Immatrikulation eine Gebühr von 4.500 € fällig.

Für Bewerber aus EU-Ländern kostet das Studium pro Semester 14.900 €. Ab dem dritten Jahr kann das Studium in Neumarkt a.M. fortgesetzt werden, wodurch sich die Gebühren auf 3.000€ reduzieren.

Asklepios Medical School Hamburg

In Hamburg kann man sich zum Wintersemester auf einen der 55 Plätze für den klinischen Teil der Ausbildung bewerben. Da die AMS zur Semmelweis Universität in Budapest gehört, werden diese vorrangig an Absolventen der Vorklinik in Budapest vergeben. Aber auch, wenn man außerhalb Ungarns den vorklinischen Teil absolviert hat, ist eine Bewerbung möglich. Entsprechend erhält man einen ungarischen Abschluss.

Die Leistungen entsprechend dem vorklinischen Curriculum der Semmelweis Universität sind entscheidend für die Zulassung. Im Bewerbungsportal müssen außerdem ein Ärztliches Eignungsattest und Impfnachweise über Hepatitis und Tetanus, Lebenslauf, Motivationsschreiben und die Hochschulzugangsberechtigung hochgeladen werden.

Neben den Noten im ersten Studienabschnitt werden auch praktische Erfahrungen, Motivation und besonderes Engagement und Kompetenzen als Kriterium herangezogen.

Für die Bewerbung werden Gebühren in Höhe von 200€ fällig. Das Studium kostet pro Semester 8.900€. Die Asklepios Exzellenz Stipendien ermöglichen jährlich elf Studierenden die Komplettfinanzierung.

Ist das Studium an privaten Hochschulen wirklich besser?

Für viele ist der starke Praxisbezug attraktiv. Auch werden an vielen Hochschulen nur wenige Studierende pro Semester zugelassen, wodurch kleine Lerngruppen ermöglicht werden. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Qualität automatisch höher ist oder man besser durch das anspruchsvolle Studium kommt: Gerade beim Physikum sind die Ergebnisse an privaten Hochschulen oft um ein Vielfaches höher: Lag der Anteil der Studierenden, die die erste große Prüfung nicht geschafft haben, im Herbst 2024 im Schnitt bei 9,5 Prozent, sind ganze 36,3 Prozent der Studierenden der Medical School Berlin durchgefallen.
Zudem solltest Du Dir bewusst sein, dass es sich oft „nur“ um Hochschulen, nicht um Universitäten handelt. Die Abschlüsse sind dabei gleichwertig, allerdings kannst Du an Universitäten immer promovieren. Auch wenn immer mehr Bundesländer ein eigenständiges Promotionsrecht für Fachhochschulen einführen, ist eine medizinische Promotion an manchen Hochschulen nicht oder nur über Kooperationen möglich. Wenn Du als Mediziner nach einer wissenschaftlichen Karriere strebst, kann die starke Fokussierung auf die Praxis auch ein Nachteil sein – und auch für höhere Positionen wird oft ein Doktortitel gefordert.

Der größte Haken: Hohe Studiengebühren

An den meisten privaten Hochschulen gilt: Es gibt zwar Studienkredite und Stipendien, die reichen aber in der Regel nicht aus, um die hohen Gebühren stemmen zu können. Außerdem solltest Du Dir über die Vor- und Nachteile der Finanzierungsmöglichkeiten bewusst sein; mit Generationenverträgen oder Studienkrediten gehst Du langjährige Verpflichtungen ein. Und schließlich müssen die Lebenshaltungskosten auch noch bezahlt werden. Daraus ergeben sich Beträge, die man auch nicht mit einem durch einen Nebenjob aufbringen kann. Mit wenigen Ausnahmen ist es kaum möglich, ein Privatstudium aufzunehmen, wenn Deine Eltern Dich nicht finanzieren können.

Lohnt es sich?

Ein Medizinstudium an einer Privatuni kannst Du als Option in Betracht ziehen, wenn es Dein Traum ist, Medizin zu studieren, der NC aber nicht ausreicht – und Du dabei unterstützt werden kannst. Du solltest Dir unbedingt davor überlegen, ob Du bereit bist, mögliche Risiken einzugehen – denn ein Wechsel an eine staatliche Universität gestaltet sich aufgrund der unterschiedlichen Verlaufspläne als schwierig.

Und auch der Weg an private Hochschulen erfordert viel Einsatz: Die Anforderungen sind auch hier kein Zuckerschlecken. Was viele nicht wissen: Auch an staatlichen Universitäten zählt nicht nur der NC. Die Zentrale Eignungsquote, über die immerhin zehn Prozent der Studienplätze vergeben werden, funktioniert komplett schulnotenunabhängig. Auch ein Studium im Ausland kann eine gute Option sein – hier spielt der NC oft keine oder eine geringere Rolle.

Welche dieser Optionen für Dich am besten passt, solltest Du gut durchdenken – sie alle bringen Dich Deinem Traum vom Arztberuf näher.

Über die Autorin

Jana Detscher

Jana studiert derzeit im Masterstudiengang "Theorien und Praktiken professionellen Schreibens" und widmet sich mit großer Leidenschaft dem präzisen und kreativen Umgang mit Sprache. Ob bei der Recherche oder beim zielgruppengerechten Schreiben – Jana bringt fundierte Erfahrung im redaktionellen Arbeiten mit, unter anderem durch Stationen beim Literaturhaus Köln und dem Dokumentationszentrum DOMiD e.V.

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